23 März 2017

Frühling heißt Litauen!

Wo liegt Rukla? Keine Sehenswürdigkeit für Touristen, aber immerhin der Ort wo seit kurzem deutsche Soldaten in Litauen stationiert sind. Ein Aufregerthema, sollte man meinen - zumindest die russischen Staatsmedien sehen es genauso, und wirken in ihren Schlagzeilen schon fast verzweifelt-ironisch: "NATO-Bataillone auf der Suche nach russischen Aggressionen" titelt RTDeutsch. Das klingt schon sehr bemüht, das Thema am Kochen zu halten. - Derweil sind die deutschen Feuilletons voll mit litauischen Themen: inspiriert und injiziert vom Litauischen Kulturinstitut (nicht zu verwechseln mit dem Litauischen Kulturinstitut in Hüttenfeld) ist es offenbar gelungen, in diesem Jahr den Slogan auszugeben: Frühling heißt jetzt Litauen! 

Besonders beim Rückblick auf das Jahr 2009, als die vielversprechenden Ansätze der Kulturhauptstadt Vilnius in der Wirtschaftskrise und internen Streitigkeiten untergingen, überrascht in diesem Jahr die flächendeckende Präsenz der litauischen Bücherthemen: eigentlich kann es sich in diesen Tagen keine deutsche Tageszeitung, kein Internetportal, kein Radiosender leisten, Litauen nicht zu thematisieren. Dabei hilft auch die große Auswahl an frisch übersetzten Büchern: vom litauischen Exil-Klassiker Antanas Škėma (das weiße Leintuch),kultur-übergreifenden Themen wie Undiné Radzevičiūtė (Fische und Drachen), jüdisches von Grigori Kanowitsch (Die Freuden des Teufels) oder dem Vilnius-Band bei Hentrich&Hentrich, über Gespräche und Erinnerungen des Weltbürgers Tomas Venclova (der magnetische Norden), bis zur Zusammenstellung junger litauischer Literatur von Jurgita Ludavičienė. Dazu kommen Autorinnen und Autoren, die nicht zum ersten Mal auf dem deutschen Buchmarkt vertreten sind: Kestutis Kasparavičius (Die Reise ins Schlaraffenland), Laurynas Katkus (Moskauer Pelmeni), Ruta Sepetys (Salz für die See), Alvydas Šlepikas (Der Regengott), Eugenijus Ališanka (Risse), Romualdas Granauskas (die traurigen Flüsse) und Jurgis Kunčinas (Tūla), der im Dezember 2002 verstarb, aber noch einer der Gäste beim Litauen-Schwerpunkt damals in Frankfurt gewesen war. Nicht zu vergessen Giedra Radvilaviciute (Langer Spaziergang auf der kurzen Mole), eine wirkliche Neuentdeckung. Und damit sind nicht einmal alle Neuerscheinungen genannt.

Über die bloße Präsenz Litauens in den Kulturspalten hinaus wird es interessant sein mitzuverfolgen, in welche Richtung Rezensionen, Wertungen, Einordnungen und längerfristige Beachtung gehen werden. Inzwischen ist schon eine lange Reihe verschiedener Beiträge nachzulesen.
Da geht es manchen zunächst um ganz grundsätzliche Fragen ("Wo liegt eigentlich Litauen?", MDR, "Fernes, nahes Land" LVZ), ("Was ist neu?" Port01). Oder die Frage wird strapaziert, warum ein Land wie Litauen Buchmessenschwerpunkt wird ("Einfacher wäre es anderswo", NZZ), auch in Bezug zu Einwohnerzahl und Größe ("Kleines Land plant große Buchmesse", Morgenpost, NWZ). Speziellere Fragen stellt die Deutsche Welle ("Was die Litauer gerne lesen - und was man über sie lesen kann").

Andere sehen litauische Literatur auch auf dem Weg zum menschlichen Wohlbefinden ("Dichtung gegen das Glück", Deutschlandradio). Nicht vergessen wird auch, wie viele Schwierigkeiten Litauen bisher zu bewältigen hatte ("Land der Umbrüche", börsenblatt). Oder man nimmt die stolzen Litauer in den Fokus ("Selbstbewußte Community", Deutschlandfunk), Freiheitsbewußte ("Land der freien Dichter", Welt) oder die Schicksalsfragen ("Tick tack hinter der Wand", Süddeutsche Zeitung).

Andere sehen Litauen vor allem im digitalen Zeitalter angekommen ("Weniger Bücher, mehr Wlan", Deutschlandradio), oder geben gar alternative Trendvorschläge ("Poesie statt Panzer", The European).
Litauische Literatur wird auch im Zusammenhang mit europäischen Fragen gesehen ("Alltag am Rande der EU", idw), den EU-Nachbarn ("An der Grenze zwischen Europa und Nichteuropa", LVZ), oder zumindest in Zusammenhang mit dem Zustand Europas ("Sanfte Patrioten", Spiegelonline, oder "Sensibler Seismograph", SRF, ganz ähnlich der Deutschlandfunk).
Manche ziehen auch schon Schlüsse daraus ("Die Langsamkeit der Zukunft", Tagesspiegel), oder stellen noch immer einen Blick auf die Vergangenheit fest ("In der Erinnerungsschleife", NZZ). Nur für sehr wenige folgt daraus eine eher negative Bewertung der Situation in Litauen ("In den Strudeln der Vergangenheit", Neues Deutschland), um das dann aber mit weiteren Beiträgen zu relativieren ("Jung aber nicht böse", Neues Deutschland).

Auch sprachliche Freudenausbrüche lassen sich finden ("vier Tage geballte Liebe", NZZ), manchmal auch voller Bewunderung für mutige Schriftsteller/innen ("Zaubern und jonglieren", LVZ). Eine andere Strategie ist es, die kulturvermittelnden Übersetzer/innen erzählen und erläutern zu lassen: so wie Claudia Sinnig im Börsenblatt, Litauen-Kenner Cornelius Hell (beim Bayrischen Rundfunk), oder auch von den eigenen Kulturredakteur (Jörg Plath im DeutschlandradioKultur). Es gibt auch eigenwillige Einschätzungen ("Selbstironie und skurille Tragik", Tagespost), andere sind bereits überzeugt: Litauen ist ein Literaturland! (ARTE)

Kritische Worte gibt es zu lesen von Übersetzer Markus Roduner z.B. in der Tiroler Tageszeitung und bei Europeonline ("Verleger zu wenig risikobereit"). Andere thematisieren, dass die Lage allgemein kritisch sei ("Buchmesse Leipzig gibt sich stark politisch", Deutsche Welle,  "Buchmesse jongliert Politik und Literatur", ebenfalls Deutsche Welle).
In seltenen Fällen werden sogar Bücher vorgestellt, die gar nicht zu den 26 von Litauen offiziell vorgestellten und finanziell unterstützten Publikationen gehören ("Der 2.Weltkrieg aus osteuropäischer Perspektive", FAZ-Blog)

Manche Journalisten haben es auch bereits vor Beginn der Messe zu Einzelrezensionen geschafft ("Unter Luftgreisen", Süddeutsche Zeitung oder auch "Sind wir nicht alle auf der Flucht und im Exil?", Welt). Hoffentlich ist das Medieninteresse nicht schnell wieder erloschen - wir warten auf mehr!

12 Februar 2017

Beautiful - ist Litauen wirklich real in Litauen?

Es ist Aufgabe der Tourismusindustrie, schöne Bilder zu produzieren. Doch angesichts der aktuellen Schlagzeilen rund um die touristische Werbekampagne für Litauen könnten auch dem Betrachter bei manchen Motiven Zweifel kommen.
Ein Eisfischer - aber ist es wirklich Litauen? Wenn die Pressemeldungen stimmen, könnten es vielleicht auch Fotos von Landschaften außerhalb Litauens sein - die bisherige Leiterin der "Real is Beautiful" (Echt ist schön), Jurgita Kazlauskiene, musste kürzlich genau wegen solcher Verdächtigungen ihren Rücktritt einreichen (Wochenblatt, Standard).

Vielleicht aus Geldmangel hatte man sich Fotodatenbanken bedient, so vermutet das Schweizer Fernsehen. Die Nachricht von den touristischen "Fake-News" aus Litauen scheint sich europaweit schnell verbreitet haben (siehe auch: BBC), auch in Ländern wie Norwegen, die Fotos aus ihren eigenen Ländern als angebliches "Litauen" wiedererkannten (norwegischer Rundfunk NRK). Eigentlich gilt ja - gerade zur Zeit der wichtigen touristischen Frühjahrsmessen - der Grundsatz "bad news are good news" (Hauptsache es berichtet jemand über uns); in diesem Fall darf das aber bezweifelt werden. Die neue Kampage war erst im vergangenen Oktober neu gestartet worden.

Aber wie die Online-Ausgabe des "Merkur" zeigt, ist "lachen über Litauen" auch nicht so leicht, wenn man Litauen gar nicht kennt - die Redaktion dieser in München erscheinenden Zeitung traut Litauen immerhin zu, dass dort die Berge "nur" 3000 Meter hoch sind.


Also, vielleicht kann eine neue Touristikchefin aus der ganzen Aufregung doch noch etwas Positives machen: Lachen über Litauen, und mit den Litauern - und wenn, dann aber richtig!

06 Februar 2017

Ein neues, baltisches Berlin?

Sonderstatus Berlin (West): Wunschbild
für Vilnius heute) ?
Die NATO solle doch bitte die baltischen Staaten genauso behandeln wie West-Berlin zu Zeiten des Kalten Krieges - so schreibt Edward Lukas, britscher Journalist, Redakteur der Wochenzeitschrift „The Economist“, von 1998 bis 2002 Korrespondent in Moskau, Autor des Buches „The New Cold War". Lukas, der auch schon mal als Anti-Snowden Advokat auftrat (siehe FAZ), schrieb diese Worte aus Anlaß des 10. sogenannten "Snow-Meetings", das am 12. und 13. Januar 2017 in Paunguriai in der Nähe von Trakai stattfand. Nein, in diesem Fall ist nicht "Snowden" gemeint, sondern ein informelles Treffen von litauischen und internationalen außenpolitischen Experten.

Allerdings ändern sich die Rahmenbedingungen beständig: die leicht überhebliche Feststelltung von Lukas, "Putin sei nun auch schon 63, der Ölpreis und der Rubel-Dollar-Wechselkurs immer noch stabil" (CEPA) geht davon aus, dass Russlands Stellung international weiterhin eher geschwächt ist - während spätestens mit Amtsantritt Trumps, aber auch mit dem Desaster in Syrien und dem offenbar vorerst endlosen Gerangel in der Ukraine den meisten klar wird, dass es eine Wunschvorstellung ist, Russland so leicht in den Schranken halten zu können. Lukas' Rezept jedenfalls ist einfach: "We should be checking our locks, not opening doors". 

Nun klingt diese Devise allerdings - zumindest in ihren Auswirkungen - verblüffend ähnlich dem, was Trump laut mit seinem "Amerika first" verkündet. Abschottung, Grenzen zu, Hauptsache alle Türen sind fest verschlossen? Ob Herr Lukas sich die Unterschiede zwischen den heutigen baltischen Staaten und dem damaligen Berlin genau angesehen hat? 
  • - Berlin war kein Teil der Bundesrepublik (Status mit Sonderregeln, festgelegt im Viermächte-Abkommen, Text
  • - West-Berlin war ein Paradies für Spione und militärische Geheimdienste aller Seiten, für Gerüchte und Verschwörungsfanatiker.
  • - West-Berlin und Ost-Berlin waren durch Todesstreifen, Stacheldraht und Mauer voneinander getrennt. 
  • - In Berlin-West wurden die Bundestagsabgeordneten nicht vom Volk gewählt (und in Berlin-Ost war das nur scheinbar anders)
  • - Bürgerinnen und Bürger West-Berlins leisteten keinen Wehrdienst
Nun können wir uns ja mal vorstellen - für den Fall Litauens zum Beispiel - das heutige Litauen wäre wie das Kalte-Kriegs-Berlin (West). Sollen die baltischen Staaten einen Sonderstatus bekommen, oder haben sie den bereits? Als Tummelplatz für allerlei Geheimdienste kann Litauen sicher heute schon mithalten. Nur wenig anderes müsste noch neu eingeführt werden:
  • An der östlischen Grenze der Aufbau eine Mauer mit Stacheldraht (ist im Bau)
  • Litauen wählt keine Abgeordneten mehr ins EU-Parlament, sie werden einfach von der Regierung entsandt
  • Litauerinnen und Litauer leisten keinen Wehrdienst innerhalb der NATO
Es ist leicht zu erkennen, dass der Status von Berlin-West fast nichts "heldenhaftes" hatte, das sich heute als Vorbild eignen würde. In ein paar vergessenen Winkeln der Stadt entstand Platz für verrückte Ideen und Andersdenkende, ok (ist daran Mangel im heutigen Vilnius?). - Aber dass es 1961 wegen Mauerbau und Kuba-Krise nicht zu einem Krieg kam, wem ist das zu verdanken? Viele, gerade im Westen, hätten sich damals ein "Einschreiten" gewünscht - und schnell, bei anderen weltpolitischen Rahmenbedingungen, wäre auch damals das "Abschecken" wohl in einem "Erschrecken" geendet. Dazu kommt auch, dass ein "West-Berlin" immer auch ein "Ost-Berlin" bedingt hat - denn wer sich den Berlin-Status herbeiwünscht, sollte in der Lage sein, sich die Interessen aller Seiten vorstellen zu können. An diesem Punkt fallen dann vielleicht doch Parallelen zur heutigen Ukraine auf, mit der Aufteilung in zwei Interessengebiete. Aber ukrainische Zustände wünscht sich selbst ein Herr Lukas - hoffentlich - nicht, auch nicht für Litauen.


31 Januar 2017

Umfragen: gewaltig - erstaunlich

Litauen: ein Land der Erfinderinnen?
Wie geht es in Litauen? Darf diese Frage gestellt werden? In letzter Zeit sind einige bedenkliche Statistiken bekannt geworden. Nur 12 Prozent der Litauer halten Gewalt gegen den eigenen Ehepartner für falsch - so wurde eine Eurobarometer-Umfrage zitiert (Studie). 31% der befragten Litauer meinten, Gewalt gegen den Ehepartner sollte unbestraft bleiben. Ob diese Zahlen auch in litauischen Zeitungen zu lesen waren? Auch bei der Frage zu sexuellen Belästigung von Kolleginnen steht Litauen am unteren Ende der Skala - nur 13% finden das falsch, 38% meinen, dass sollte nicht unter Strafe stehen, und 6% (ebenfalls höchster EU-Wert) halten so ein Verhalten nicht einmal für falsch.

Weitere Spitzenwerte: den Partner durch die Verhinderung von Treffen und des Kontakts mit Familienmitgliedern und Freunden, die Vorenthaltung von Geld oder die Einbehaltung von Mobiltelefonen oder offiziellen Dokumenten zu kontrollieren - 35% der Litauer meinen, ein solches Verhalten sollte nicht gesetzeswidrig sein (also unbestraft bleiben).

Litauen als Spitzenreiter bei Gewalt in der Familie? In eine ähnliche Richtung weist das Eurotopics-Thema vom 30. Januar: warum schützt Litauen die Kinder nicht mehr? Gewalt gegen Kinder sei in vielen Familien üblich, werden litauische Medien zitiert (LR).
Wer nun vermutet, dass auch in der Familie die Frauen die Leidtragenden der Konflikte sind, könnte sich die Ergebnisse einer weiteren Frage aus dem Eurobarometer-Katalog ansehen: 42% der Litauer meinen, Frauen würden Missbrauchs- oder Vergewaltigungsvorwürfe oft übertreiben. Litauen, das Land der Erfinderinnen? 45% meinen sogar, dass Gewalt gegenüber Frauen vom Opfer häufig provoziert wird.

Und das in einem Land, das einmal stolz darauf, hohe Quoten von Frauen in Spitzenpositionen zu haben. "Ohne Quote an die Spitze" titelte der "Spiegel" 2013 über Litauen. Mit einem Anteil von 39% liege Litauen weltweit auf dem dritten Platz, verkündete die Deutsch-Baltische Handelskammer. Liegt darin ein Widerspruch zum Umgang miteinander in der Familie, oder kommen Frauen in Litauen vor allem deshalb schnell nach oben, weil sie die herrschenden Zustände akzeptieren (müssen?).

19 Dezember 2016

Bitte nicht freundlich!

Seltsame Verhaltenstipps für Ausländer in Litauen waren kürzlich bei der Agentur Reuters nachzulesen. Die Anweisungen galten offenbar der Bevölkerung Litauens. "Haben Sie einen Ausländer gesehen, der sich auffallend freundlich benimmt? Sind Sie sicher, dass es keine Spione sind?"

Ungewöhnliche Vorwürfe. Aber offenbar sehen sich litauische Behörden veranlasst, so etwas als TV-Spots zu verbreiten. Seit der Annexion der Krim durch Russland und der unsicheren Lage in der benachbarten Ukraine, wachsen die Zeichen der Nervosität in Litauen. "Die Leute denken sich nichts dabei, wenn sie nach Informationen ausgequetscht werden - und dann ist es schon zu spät!" meint Darius Jauniškis, Chef des litauischen staatlichen Sicherheitsdienstes VSD (Reuter). Jauniskis wurde 2015 vom litauischen Parlament in sein Amt berufen (Baltic Course). Erst vor wenigen Wochen wurde auch eine Telefon-Hotline eröffnet, mittels der Bürgerinnen und Bürger Beobachtungen an den Sicherheitsdienst melden können sollen (Dailystar). Spot1 Spot2  Spot3

 
Wer einen geschenkten Daten-Stick nutzt, der einfach bei einer Einladung zum Kaffee überreicht wird, könnte auch einem Spionage-Virus das virtuelle Tür und Tor öffnen, meinen die litauischen Sicherheitsexperten. Auch Margarita Šešelgytė, Wissenschaftlerin und Politikwissenschaftlerin an der Uni Vilnius, hält die Verwundbarkeit durch mögliche Spione als eine der Schwachstellen des Landes ausgemacht.Pressemeldungen zufolge plant der litauische VSD nun sogar, Schulungen für neugewählte Abgeordnete anzubieten (delfi).

Wollen die litauischen Sicherheitsdienste ihren Bürgerinnen und Bürgern also ernsthaft einreden, lieber zurückhaltend zu reagieren, wenn sie von unbekannten Personen zum Tee oder Bier eingeladen werden? Der heutige Sicherheitsschef Jauniškis stand 1991 selbst Wache vor dem litauischen Parlament, als russische Sondereinheiten damals das unabhängige Litauen verhindern wollten. Damals war er 22 Jahre alt. Heute warnt er Litauerinnen und Litauer sogar vor Einkaufstouren nach Moskau: auch dort würden Agenten angeworben, etwa dadurch, dass sie zunächst der Schmuggelei angeklagt und dann - mit Gegenleistung - ein Erlaß der Strafen in Aussicht gestellt würde (business-insider). "Als ehemaliger Soldat weiss ich, dass Verteidigung allein keinen Krieg gewinnt," lässt sich Jauniskis zitieren, "wir brauchen einen Gegenangriff". 

Nur wenige Strafsachen gegen "Spione" landeten allerdings bisher vor litauischen Gerichten: 2015 und 2016 waren es jeweils weniger als eine Handvoll. Zu befürchten ist, dass mit Verstärkung der Medien (von beiden Seiten) die Spion-Paranoia noch weiter um sich greift. Cool zu bleiben und auf die eigenen Bürger plus die NATO zu vertrauen, scheint nicht in Mode zu sein in Litauen. Sicherheitschef Jauniškis meint sogar, in "Zeiten des Krieges" (meint er die Gegenwart?) müssten eben auch liberale zivile Freiheiten eingeschränkt werden. Hm, liebes Litauen, hoffentlich gilt dann nicht bald der schöne Spruch vom "sich selbst ins Knie schießen". Eines scheint klar zu sein: Demokratie muss beständig neu errungen werden, gegen welche noch so populären Trends auch immer.

25 November 2016

Litauens Siebzehnte Regierung oder: der Tanz um den Stuhl des Justizministers

Der unter der Linie  Artikel stammt vom 25.11. Eine Personalie erwies sich jedoch als wesentlich schwerer. Und das kam so:


Eigentlich  dachte alle Kommentatoren, die "Grünen Bauern" sind so ein bunter Mischmasch von Personen, die machen's nicht lange. Eigentlich sind's doch die alten Füchse der postkommunistischen Sozialdemokraten, die ihre Pfründe sichern und die Bauern über den Tisch ziehen.
Und dann kam es doch anderes: Der Posten des Justizministers zeigt wie dünnhäutig die Sozis sind. Eigentlich sah das gar nicht so schwer aus: Die Sozialdemokraten bekommen das Justizministerium.
Erster Kandidat war Julius Sabatauskas - altgedienter Parlamentarier und langjähriger Vorsitzender des Rechtausschusses im Parlament. Abgelehnt vom Premier - zu alt.
Zweiter Kandidat war Darius Petrošius. Abgelehnt wegen seiner Beziehungen zu zweifelhaften Beziehungen zu Geschäftsleuten im Landkreis Tauragė.
Nummer 3 schaffte es immerhin auf die Liste der Regierungsmitglieder: Julius Pagojus. Minister wurde er allerdings nie. Als nämlich herauskam, dass er im Frühjahr mit knapp 0.7 Promille in eine Polizeikontrolle kam. Das ist als Vizejustizminister schon bedenklich. Dazu kam, dass er im Protokoll seine Position lieber verschwieg. Das ganze sah doch eher nach Vertuschung aus. Und so geht er vielleicht in die Geschichte ein, als am kürzesten nominierter Minister. Also sind wir bei Kandidat Nr. 4: Diesmal ist es eine Frau, Milda Vainiutė, Professorin an der Rechtuniversität.
Noch ist nicht klar, ob sie's schaffen wird. Muss sie doch erst einmal die Präsidentin von ihrer Kompetenz überzeugen.



Der neue Premierminister Saulius Skvernelis (Union der Bauern und Grünen Litauens) ist vom litauischen Parlament wie erwartet bestätigt worden und muss nun die Präsidentin für sein Kabinett überzeugen. Nach dem überragenden Sieg der Parlamentswahl im Oktober - die Fraktion der "Grünen Bauern" hat nun, nachdem sich ihr einige unabhängige Kandidaten angeschlossen haben, 59 Sitze von 141 im Parlament ("Seimas"). Als Mehrheitsbilder boten sich die zuvor regierenden Sozialdemokraten und die Konservativen ("Vaterlandsunion") an, die Liberalen fielen vor vornherein aufgrund von zu  großen inhaltlichen Differenzen raus. Die Konservativen schienen aber die Tatsache, dass sie sich den "Grünen Bauern" geschlagen geben mussten, nicht überwunden zu haben, lagen sie doch nach der ersten Wahlrunde knapp in Führung. Und während die Konservativen zahlreiche Forderungen für die Regierungsteilnahme stellten, liefen die Koalitionsverhandlungen mit den Sozialdemokraten schnell und unkompliziert. Das Ergebnis ist ein Regierungsprogramm, das auf dem Wahlprogramm der Union der Bauern und Grünen "nachhaltiges Litauen" beruht www.darnilietuva.lt.

Als Hauptthemen der 17. Regieurng gelten  der Kampf gegen die klaffenden sozialen Unterschiede und Auswanderung (höhere Einkommen, bessere Sozialleistungen), der Kampf gegen den Alkoholismus (Einführung eine staatlichen Alkoholmonopols), besserer Zugang zu Bildung.
Auch ist geplant, das Parlament von 141 auf 100 Abgeordnete zu verkleinern. Zwei Ministerien - Umwelt und Landwirtschaft - sollen in die zweitgrößte litauische Stadt Kaunas verlegt werden und so etwas zur Dezentralisierung beigetragen werden.

Hier die Liste der vorgeschlagenen Minister der 17. (!) litauischen Regierung seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1990 - und was sie vorher gemacht haben.

Abkürzungen:
LVŽS - "Union der Bauern und Grünen Litauens" / Lietuvos Valstiečių ir Žaliųjų Sąjunga / Viele Minister die von den "Grünen Bauern" vorgeschlagen worden sind allerdings parteilose Experten
LSDP -  Sozialdemokratische Partei Litauens / Lietuvos Socialdemokratų Partija

Premierminister: Saulius Skvernėlis (LVŽS), ex-Innenminister, ehemals oberster Polizeikommissar
Vilius Šapoka (für LVŽS), Mitglied im Rates des Litauischen Staatbankes
Finanzministerium

Linas Linkevičius (LSDP) - wie bisher: Außenministerium

Raimundas Karoblis (LSDP) - ehemals Botschafter Litauens in Brüssel
Verteidigungsministerium
Liana Ruokytė-Jonsson (LVŽS), ehemals Kulturatachė in Schweden und Dänemark, z. Zt. beim Litauischen Kinozentrum: Kulturministerium

Eimutis Misiūnas (LVŽS), Innenministerium

Aurelijus Veryga (LVŽS), Psychiater: Gesundheitsministerium

Kęstutis Navickas, Vorsitzender der Koalition der Umweltschutzorganisationen
Umweltministerium

Bronius Markauskas (LVŽS), Vicepräsident der Landwirtschaftskammer, Landwirt aus dem Bezirk Klaipėda - Landwirtschaftministerium

Rokas Masiulis (LVŽS) - Komunikationsministerium (Verkehr und IT)

Žygimantas Vaičiūnas (LVŽS) - Energieministerium (Auflösung geplant)

Jurgita Petrauskienė (LVŽS), Leiterin des Kontrollzentrum für Wissenschafts- und Studienanalyse - Ministerium für Bildung und Wissenschaft

Linas Kukuraitis (LVŽP), Leiter der "Caritas" bei der Erzbischofstum Vilnius
Ministerium für Soziale Angelegenheiten und Arbeit

Mindaugas Sinkevičius (LSDP), Bürgermeister des Landkreises Jonava - Wirtschaftsministerium


Quelle (Fotos):
http://lietuvosdiena.lrytas.lt/aktualijos/s-skvernelis-paskelbe-ministru-kabineta.htm

Ministerkabinett wie von der Präsidentin verkündet:
https://www.lrp.lt/lt/spaudos-centras/pranesimai-spaudai/lietuvos-respublikos-prezidentes-dalios-grybauskaites-pareiskimas-del-vyriausybes-sudeties/26635

25 Oktober 2016

Politikwechsel in Litauen - Was verbirgt sich hinter dem Erfolg der "Grünen Bauern"?

Die “Union der Bauern und Grünen” ist der große Wahlsieger in Litauen. Diese Liste heimst 54 von 141 Sitzen im Parlament in Vilnius ein, abgeschlagen die konservative “Vaterlandsunion” mit 31, die Sozialdemokraten mit 17 und die Liberalen mit 14 Sitzen. Lagen die Konservativen nach der ersten Wahlrunde noch knapp in Führung, hatte niemand mit so einem klaren Sieg der Grünen Bauern gerechnet. Eine Partei, die im vorherigen Seimas noch an der 5-Prozent-Hürde scheiterte und nur einige Direktmandate in Nordlitauen gewinnen konnte, lädt nun die Konservativen und die Sozialdemokraten zu Koalitionsverhandlungen ein, mit den Liberalen hingegen sieht man zu große ideologische Unterschiede. Wer sind diese politischen Nobodys?

Dazu später, zuerst einmal wie es zu diesem Ergebnis kam:

Ein Karton von einer Cognac-Flasche, ein belgischer Schäferhund und eine Erbschaft, sie alle haben eine entscheidene Rolle in diesem Wahlkampf geführt

Was bis jetzt geschah … Einblick, in ein Prinzip der litauischen Politik

Litauische Politik ist vom “Messias-Syndrom” gezeichnet. Das heißt, vor jeder Wahl taucht ein neuer Messias auf, der verspricht alle Probleme zu lösen. Ein kurze Aufzählung: Der ehemalige Generalstaatsanwalt Artūras Paulauskas mit der “Neuen Union”, der Pilot und Ex-Präsident (seines Amtes enthoben weil sein Wahlkampf von einem russischen Waffenhändler gesponsort war) Rolandas Paksas mit “Recht und Gerechtigkeit”, der russischstämmige Millionär Viktor Uspaskich mit der “Arbeitspartei”, der Fernsehmoderator Arunas Valinskas mit der “Volkswiederauferstehungspartei”, zuletzt wenig erfolgreich die Partei “der Mutige Weg”, die im Zuge eines Pädophilie-Skandals entstanden war.
Viele dieser Parteien hatten einen großen Unterhaltungswert, und Wahlen waren von lustiger Wahlwerbung und kleinen Tricksereien umrandet: Da wurde Basketball gespielt, getanzt, sich ausgezogen. Stimmen wurden gegen Geld gekauft, oder gegen eine Wurst. Alles schon mal dagewesen. 

Und dieses Mal?

Wahlsieger Saulius Skvernelis und
Ramūnas Karbauskis von der "Union der Bauern
und Grünen Litauens"
Es ging doch äußerst gemächlich zu. Außer heftigen Debatten im Fernsehen und in den Kommentaren der Internetportale – keine nennenswerten Verletzungen des Wahlrechts.
Nur die drei kleinen Skandale haben den drei traditionellen Parteien – Konservative, Sozialdemokraten und Liberale – den wesentlichen Schlag versetzt. Der Aufstieg des “Neuen Messias” konnte geschehen, die altgedienten Populisten “Ordnung und Gerechtigkeit” und “Arbeitspartei” wurden fast zur Bedeutungslosigkeit zusammengestutzt.

Skandal Nr. 1: Die Geschichte mit dem Cognac-Flaschenkarton

Remigijus Šimašius ist der Parteivorsitzende
der Republikanischen Liberalen Bewegung Litauens
Noch vor einigen Monaten sahen die konsolidierten Liberalen als der zukünftige Sieger aus. Sie hatten sich gespalten, wieder gefangen, waren ins Europa-Parlament eingezogen, gewannen in den ersten direkten Bürgermeisterwahlen in der litauischen Hauptstadt und standen für einen jungen, erfrischenden und unkorrupten Politikstil. Im Mai passierte der Absturz: Bei einer Hausdurchsuchung des Parteivorsitzenden Eligijus Masiulis wurden 250.000€ in bar gefunden, ein Großteil unsichtbar als “Schmiergeld” markiert. Und futsch war das Image der “Saubermann-Partei” und die Partei durfte um den Wiedereinzug ins Parlament bangen. Die später abgegebene Erklärung, dass Masiulis von einem Industriellen im Auto als privates Immobiliendarlehen 106000€ übergeben worden waren und dass er mangels anderes Behältnis sie schnell in den Karton einer Cognac-Flasche steckte, wirkte wenig glaubwürdig. Nur einer raschen Säuberungsaktion des Vilniusser Bürgermeisters und neuen Parteivorsitzenden Remigijus Šimašius ist es zu verdanken, dass am Ende mit dem 4. Platz ein ganz passables Ergebnis bei den Wahlen herauskam.

Skandal Nr. 2 und ein halber: Der Belgische Schäferhund und die “Goldenen Gabeln”

Beerdigung der Grenzhundes "Ramzis"
Der zweite Schuss traf die Sozialdemokraten: Der Bruder des Vizeparlamentspräsidenten erschoss bei der Jagd im Grenzgebiet zum Gebiet Kaliningrad einen Grenzhund. Der Hund hingegen war im Dienst, Zigaretten-schmugglern auf der Spur. Es endete mit einem Staatsbegräbnis für den Hund und einem wahren Shitstorm gegen die selbstgerechten Brüder, deren Verhalten symbolisch für das Bonzen-Dasein der Post-Kommunisten gesehen wird. Überhaupt war die Stimmung für die regierenden Sozialdemokraten auf der Kippe: Lange Zeit wurde Premierminister Algirdas Butkevičius für seine stabile Regierung gelobt - jetzt galt aber das letzte Jahr als bleierner Stillstand.
Algirdas Butkevičius, scheidender
Ministerpräsident,Litauische
Sozialdemokratische Partei

Dass die Sozialdemokraten den Überblick verloren haben dafür gab es noch einen anderen Skandal: Das Verteidigungsministerium hatte neues Besteck gekauft, allerdings bis zum 180fachen des Marktpreises. Sie gingen als die “Goldenen Gabeln” in den Wahlkampf ein. Die verkaufende Firma wieder soll in Verbindung stehen mit der Familie des Vorsitzenden der Konservativen “Vaterlandsunion” ...

Skandal Nr. 3: Die Familienerbschaft


Gabrielius Landsbergis,
Parteichef der "Vaterlandsunion -

Litauens Konservative"
Blieben also noch die Konservativen. Die haben so ihre Mühen, ihr Image wieder herzustellen. Mit ihrer letzten Regierung mussten sie Litauen durch die Weltwirtschaftskrise 2009 steuern und werden für Preiserhöhungen, Lohnkürzungen und der damit verbundenen gestiegenen Auswanderung aus Litauen verantwortlich gemacht. Versuche, die Partei zu erneuern führten zu einem jungen Vorsitzenden, Gabrielius Landsbergis, Enkel der litauischen Unabhängigkeitsikone Vytautas Landsbergis. Sie profitierten am meisten von dem Skandal der Liberalen und konnten junge Wähler ansprechen. Vor der zweiten Runde der Wahlen riss ihnen dann doch noch eine andere Affäre die Beine weg: Ans Licht kam ein 1.5 Mio Euro schweres Vermögen eines Kandidaten in Kaunas, dessen Herkunft er nicht plausibel erklären konnte. Vieles deutet auf Schmiergeld des Arztes im größten Krankenhaus der Stadt hin, er selbst erklärte es als “Familienerbschaft”. Zweifel blieben. Ergebnis: Bis auf das Mandat für den Vorsitzenden Gabrielius Landsbergis haben die Konservativen alle Direktmandate in der zweitgrößten litauischen Stadt Kaunas verloren.

Das Ergebnis:


Logo der "Union der Bauern
und Grünen Litauens"
Viele der Direktmandate gingen an die Grünen Bauern, sogar in ehemaligen Hochburgen der Sozialdemokraten und Konservativen. Dabei war vor einem Jahr noch nicht klar, ob sie die 5-Prozent-Hürde meistern würde. Dann stieß Saulius Skvernelis zu ihnen. Der ehemalige oberste Polizist in Litauen und vormaliger Innenminister war der volksnahe und vertrauenswürdige Politiker, der den meisten wohl gefehlt hat. Sein Gegenpart ist Parteivorsitzender Ramūnas Karbauskis, Großgrundbesitzer; sein „Agrokoncernas“ liefert alles für die Landwirtschaft. Wie er sich Litauen verstellt, konnte man in der TV-Seifenoper „Der Sommer von Naisiai“ sehen, deren Autor er ist und die in seinem Heimatdorf spielt. Da geht es darum, wie das vom Aussterben bedrohte Leben im litauischen Dorf gerettet werden kann. Karbauskis ist eher der Feingeist, als Kunstförderer bekannt, aber im fehlt die Volksnähe.

Jetzt liegen also alle Hoffnungen auf den Grünen Bauern unter dem Duo Skvernelis/Karbauskis. Versprochen habe sie einen Politikwechsel, eine Politik, die sich an Prinzipien orientiert. Was genau diese Prinzipien sind, weiß man aber nicht, bemängeln Kritiker. Auch ob die Politik-Neulinge mit den alten Hasen von den Sozialdemokraten (mit den es inhaltlich mehr Gemeinsamkeiten gibt) oder den Konservativen (deren moralischer Anspruch ihnen näher steht) koalieren. Es gibt viele Ideen, aber werden sie diese auch umsetzen können? Viele Fragen bleiben offen, ob das Experiment „Politikwechsel“ wirklich gelingt, das werden wir wohl erst in einigen Jahren wissen.

24 Oktober 2016

Grüne Bauern vorn

vorläufige Ergebnisse der beiden Wahlgänge zum litauischen Parlament

Partei - erster Wahlgang - zweiter Wahlgang - insgesamt (Anzahl Sitze)

Lietuvos valstiečių ir žaliųjų sąjunga (Union der Grünen und Bauern)
          19                    35                      54

Tėvynės sąjunga - Lietuvos krikščionys demokratai (Vaterlandsunion - Litauische Christdemokraten)
          21                    10                      31

Lietuvos socialdemokratų partija (Litauische Sozialdemokratische Partei)
          13                      4                      17

Lietuvos Respublikos liberalų sąjūdis (Litauische Liberale Bewegung)
           8                       6                      14

Partija Tvarka ir teisingumas (Partei Ordnung und Gerechtigkeit)
           5                       3                        8

Lietuvos lenkų rinkimų akcija - Krikščioniškų šeimų sąjunga (Polnische Wahlaktion Litauen - christliche Familien-Union)
           7                       1                        8

Išsikėlę patys  (Einzelbewerber)
           0                       4                        4

Darbo partija (Arbeitspartei)
           0                       2                        2

Lietuvos žaliųjų partija  (Litauische Grüne Partei)
           0                       1                        1

Politinė partija „Lietuvos sąrašas“ (Partei Litauische Liste)
           0                       1                        1

Antikorupcinė N. Puteikio ir K. Krivicko koalicija (Antikorruptions-Koalition)
           0                       1                        1

Lietuvos laisvės sąjunga (Litauische Freiheitsunion)
           0                       0                        0

10 Oktober 2016

Litauen: Renaissance von Landvolk und Grünen?

die vorläufige neue politische Landkarte Litauens
(der ersten Wahlrunde)
Nach vorläufigen Auszählungsergebnissen der ersten Runde der Parlamentswahlen in Litauen entfallen auf
die "Bauernpartei / Grüne Union" (Lietuvos valstiečių ir žaliųjų sąjunga LVŽS) 21 Mandate, 22,55% der Stimmen landesweit,
"Vaterlandsunion / litauische Christdemokraten" (Tėvynės sąjunga - Lietuvos krikščionys demokratai TS-LKD) 22 Sitze, 22,54%,
"litauische Sozialdemokratische  Partei" (Lietuvos socialdemokratų partija LSDP) 10 Sitze, 15,07%,
Partei "Ordnung und Gerechtigkeit" (Partija Tvarka ir teisingumas PTT) 4 Mandate, 5,57%,
die "Liberale Union" (Lietuvos Respublikos liberalų sąjūdis LRLS) 4 Mandate, 9,41%,
die "Arbeits-Partei" (Darbo partija) 3 Sitze, 4,91%,
die "Polnische Wahlaktion / Allianz Christlicher Familien" (Lietuvos lenkų rinkimų akcija-Krikščioniškų šeimų sąjunga LLRA-KŠS) 3 Sitze, 5,67%,
auf die "Litauische Liste" (Politinė partija „Lietuvos sąrašas“ PPLS) 1 Sitz, 1,79%,
und die "Antikorruptions-Koalition / Litauisches Zentrum / Rentnerpartei" (Antikorupcinė N. Puteikio ir K. Krivicko koalicija / Lietuvos centro partija / Lietuvos pensininkų partiją APKK) 1 Sitz und 6,33%. Weitere 2 Sitze fallen voraussichtlich an unabhängige Einzelkandidaten.
(Lit. Wahlkomittee). Die Wahlbeteiligung lag bei 50,5%.

Von den 141 Parlamentssitzen werden in der ersten Wahlrunde 70 Mandate nach dem Verhältniswahlrecht und die übrigen 71 erst zwei Wochen später als Direktmandate in einer Stichwahl vergeben.

08 September 2016

Litauen fliegt

Der Zubringerdienst zu den größeren Inseln im Westen Estlands hat seit einigen Wochen die litauische "Transviabaltika" übernommen. Anfang September wurde bereits eine erste Bilanz gezogen: 5400 Passagiere wurden in den ersten etwa 10 Wochen Betriebsdauer befördert; den Worten von Rene Must zufolge, Repräsentant der Firma in Estland, wurde ein leichter Aufwärtstrend bei den Passagieren registriert (ERR). Die gängigsten Routen sind dabei die Flüge von Tallinn nach Kuresaare und Tallinn-Kärdla. Geflogen wird mit einer "LET L410" und einer "Jetstream 32".

Die Strecke Kuressaare-Tallinn wurde zuvor von der estnischen Firma "AviesAS" bedient. Die estnischen Aufsichtsbehörden sahen aber die Sicherheit des Flugbetriebes gefährdet - nicht durch die eingesetzten Flugzeuge, wie gegenüber der Presse betont wurde, sondern durch die Art, wie die Firma geführt und gemanagt sei (Baltic Course). Im März wurden bereits die Flüge in Schweden, im April dann auch die Inlandsflüge in Estland gestoppt; im Juni erklärte die Firma dann ihren Bankrott.

Die Verträge mit "Transviabaltika" laufen zunächst bis Mai 2019. Das zuständige estnische Ministerium bereitet für den Zeitraum danach eine neue Auschreibung vor. Bis dahin heißt es also: Litauen fliegt - in Estland. Nach den weniger positiven Versuchen im Luftverkehr von "Air Lithuania" (2005 eingestellt), "Air Lituanica" (bis 2015) und "FlyLAL" (Bankrott 2009) vielleicht doch noch die richtige Nische für litauische Fliegerambitionen.

12 August 2016

Litauens Angst vor Atomkraft - beim Nachbarn

Litauen warnt vor Atomkraftwerken? Das ist ziemlich neu. Noch in den 1990iger Jahren erzeugte das Riesen-AKW Ignalina etwa 80% des litauischen Energiebedarfs, und obwohl von derselben Bauart wie der Unglücksreaktor von Tschernobyl legten litauische Regierungen regelmäßig große Selbstsicherheit an den Tag, Ignalina könne mit ein paar kleinen Verbesserungen noch jahrzehntelang laufen.
Der EU-Beitritt machte dem ein Ende

Mehrfach versuchten die nachfolgenden Regierungen, doch noch neue AKWs zu bauen: 2008 durch eine Volksabstimmung (die mangels Beteiligung ungültig war), 2012 wieder (mit Mehrheit für die Atomgegner). Die Stilllegung der Ignalina-Blöcke wurde immer wieder verzögert, 2009 war es dann soweit. Und noch nach 2012 gab es Pläne ausgerechnet mit Hilfe von japanischen Investoren ein neues AKW zu bauen.

Nun ist die litauische Regierung besorgt ... wegen möglichen Atomunfällen. Der Nachbar Weißrussland ist dabei, nur 45km von Vilnius entfernt in Astravets eine Atomanlage zu bauen. Das litauische Außenministerium äusserte sich besorgt über die Intransparenz mit der die zuständigen weissrussischen Behörden vorgehen (gut, könnte man sagen - bisher wurden die meisten Atomanlagen von sehr undurchsichtig arbeitenden Betreibern erstellt). Vielleicht schwenken die litauischen Regierenden ja noch ins Lager der Atomkritiker über? Aber soweit ist es wohl noch nicht. Vorerst ist die litauische Besorgnis wohl nur ein diplomatischer Reflex.

24 Juli 2016

Borisas wird's schon richten

Einige Europäer reagierten geschockt, als die neue britische Regierungschefin Theresa May ausgerechnet den bisherigen Wortführer der "Brexit"-Kampagne Boris Johnson zum Außenminister machte. Gut im Gedächtnis sind nicht nur seine populistischen Sprüche gegen die EU, sondern auch Aussagen über andere Politikerinnen und Politiker; so sagte er über Hillary Clinton schon mal, sie sehe aus wie eine "sadistische Krankenschwester in der Psychiatrie", US-Präsident Obama war für ihn ein "Halb-Kenianer", und sogar vor der Queen scheute er nicht zurück, indem er behauptete, sie möge ja die ehemaligen Kolonien deshalb so gern, weil sie dort bei ihren Staatsbesuchen regelmäßig "eine jubelnde Menge fähnchenschwingender Negerlein" zur Begrüßungerwarten könne. - Genüßlich notieren nun Journalisten Johnsons' Verhalten auf der ungewohnten diplomatischen Bühne, z.B. beim Zusammentreffen mit US-Amtskollege John Kerry (NZZ). Vom "Stolpern auf der Weltbühne" oder "Diplomatie-Stümper" (ZEIT) ist da die Rede - manche sehen den früheren Polterer auch schon in "eine Art offenem Strafvollzug" (Stern).

In Litauen ist das anders. Die Litauer schauten sich auch die Vergangenheit von Alexander Boris de Pfeffel Johnson (so der volle Name) an, und suchen nach Gemeinsamkeiten. Und, obwohl es bereits bekannt war, dass es einen türkischen Urgroßvater namens Ali Kemal gab - damals Innenminister des Osmanischen Reiches - suchten die Litauer weiter und fanden einen weiteren Urgroßvater: einen Litauer. 
rot eingefärbt: Länder, die Boris Johnson schon vor
seinem Amtsantritt als Außenminister beleidigt
haben soll - Litauen ist nicht dabei (Quelle:"Bigthink.com)
Die Recherche wurde hauptsächlich von der Zeitung "Lietuvos Rytas" betrieben. "Es gab einen Elias Avery Loew, geboren am 15. Oktober 1879 in Kalvarija, damals zum russischen Zarenreich gehörig", schreibt die Zeitung.
"Später änderte er seinen Namen in 'Low', und er war der Vater von Johnson's Großmutter. Die Eltern von Elias Low waren Juden und beide in Litauen geboren, die Familie wanderte aber später in die USA aus." Unter seinen Nachkommen ist auch die britische Künsterlin Charlotte Johnson Wahl - die Mutter des neuen Chefdiplomaten Boris.

Eventuelle Bezüge zum deutschen Fußball-Bundestrainer werden an dieser Stelle (leider) nicht aufgedeckt (Elias Avery Loew starb 1969 in Bad Nauheim, wie schon Wikipedia weiss). Beim Antrittsbesuch von Boris Johnson (Borisas Jonsonas?) in Vilnius lud der litauische Außenminister Linkevičius seinen britischen Amtskollegen zu einem Besuch des Wohnortes seiner Vorfahren ein - worauf dieser angeblich "very amused" reagierte.

Sollte Johnson Kalvarija besuchen, heute ein kleiner Ort nahe der litauisch-polnischen Grenze, wird er nach Spuren des Lebens, so wie es im 19.Jahrhundert war, ziemlich suchen müssen: der Ort wurde schon im 1.Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen und verlor viele seiner Einwohner. Im 2.Weltkrieg wurde vor allem die jüdische Bevölkerung verfolgt und ermordet (siehe auch "Holocaustatlas.lt") - Borisas würde wohl sagen: es war wohl besser, dass meine Vorfahren schon vorher ausgewandert sind.

09 Juli 2016

Liddl in Lidltuva

Eigentlich hatte das niemand erwartet in Litauen: die deutsche Lebensmittelkette "LIDL" schien schon vor 10 Jahren die baltischen Märkte verloren zu haben. "Scheitern im Baltikum" schrieb 2006 das "Manager-Magazin", und die "Wirtschaftswoche" urteilte: "Lidl scheitert im Norden." Damals wurden bereits erworbene Grundstücke wieder verkauft, und Lidl-Vertreter wurden mit der Aussage zitiert, die baltischen Staaten seien als Markt einfach zu klein.

Inzwischen ist Litauen "Maxima"-Land. Gegründet 1992 von inzwischen legendären zwei Medizinstudenten, inzwischen im Besitz der Holding "Vilnius Prekyba", gibt es inzwischen 235 "Maxima"-Supermärkte in Litauen. 550.000 Kunden in Litauen pro Tag zählt die Maxima-Geschäftsleitung, und 1,4 Milliarden Euro Umsatz. 16.000 Beschäftigte in Litauen, 30.000 in Lettland, Polen, Weißrussland und Litauen insgesamt. Daneben gibt es in Litauen auch noch Märkte von IKI, RIMI, NORFA und AIBÈ.

Leben wie im Werbespot:
konsumieren was geht ...
Und nun LIDL. Kommentare in litauischen Medien zeigen. dass der große Zuspruch der neuen Läden überrascht - lange Schlangen vor vielen Geschäften, große Euphorie der Litauerinnen und Litauer auf der Suche nach Preisnachlässen und Sonderangeboten (siehe Video). Vielleicht hat überrascht, dass die Marke "LIDL" bei Litauerinnen auch schon einen hohen Bekanntheitsgrad hatte - aber schließlich gibt es schon seit einiger Zeit den Einkaufstourismus mittels Billigflieger, der eigentlich nur vor einheimischen Produkten halt macht.

"2015 gab es die bemerkenswerte Situation, dass es in Litauen überhaupt keine Discounter gab", sagt Jekaterina Smirnova in ihrem Blog bei Euromonitor (siehe auch: delfi.lt). Sie weist auch darauf hin, dass es in letzter Zeit sowohl einen zunehmenden Strom von Einkaufstourimus Richtung Polen gegeben habe, wie auch sogar einen Boykott verschiedener Geschäfte wegen hoher Preise. Andererseits stünden bei LIDL nur 20% einheimische Produkte im Regal - auf dieses Argument baute u.a. MAXIMA sehr stark. Es gibt aber nur vier Lebensmittel-Großhändler in Litauen - Maxima LT, Palink, Norfos Mazmena and Rimi Lietuva - MAXIMA hält dabei mit 36% den größten Anteil.

Rein ökonomisch braucht also die Konkurrenz in Litauen zunächst keine Angst vor LIDL zu haben - so schnell wird Litauen nicht zu LIDLTUVA. Auffällig aber vor allem die vielen abwertenden Kommentare in den "sozialen" Netzwerken: Spott für die Schlange Stehenden. Vielleicht sehen die einen hier irregeleitete Konsumjünger, für andere ist offenbar der "Homo Sovieticus" auferstanden, der eben Schlange stehen gewöhnt sei. Es wird aber auch daran erinnert, dass viele in Litauen mit 500 Euro monatlich auskommen müssen, also müsse man doch denjenigen danken, die Waren "zu humanen Preisen" anbieten. In den ersten Verkaufstagen Anfang Juni soll es sogar Schwächeanfälle bei älteren in den Warteschlangen Stehenden gegeben haben - Rettungswagen waren im Einsatz, Trinkwasser musste bereit gestellt werden. Auch ein schon zu anderen Anlässen erprobtes "Lockmittel" kam zum Einsatz: billige Bananen.

Ob LIDL allerdings Litauen als Markt so richtig ernst nimmt, muss abgewartet werden. Die Schwarz-Gruppe, zu der LIDL gehört, plant (laut "Manager-Magazin") 2018 einen noch wesentlich größeren Markt zu erobern, sicherlich auch mit wesentlich höherem Risiko: die USA.

14 Juni 2016

Nachgefragt: bei den Poeten

Manchmal traut man sich kaum, Litauerinnen oder Litauer zu fragen, wie denn das Leben so sei in ihrem Land – zu präsent sind die Nöte, ausreichend gut bezahlte Arbeit zu finden, nicht auf unbefristete Wanderschaft durch halb Europa gehen zu müssen, um das eigene Einkommen zu sichern. Andere wiederum fürchten sich vor Russland, und Verhältnissen ähnlich wie in der Ukraine. Nicht so Litauens Dichter. Die Literaturwerkstatt Berlin hatte einige von ihnen versammelt im Rahmen des Poesiefestivals 2016, auch mit Blick auf den kommenden litauischen Schwerpunkt bei der Leipziger Buchmesse 2017. So diskutierten also am 9. Juni in der Akademie der Künste in Berlin Eugenijus Ališanka, Laurynas Katkus, Giedrė Kazlauskaitė und Rolandas Rastauskas über Heimat, die Selbsteinschätzung litauischer Schriftsteller und die Schönheit von Vilnius.

Mit Blickpunkt Litauen-Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse 2017
am Freitag 10. Juni Gäste auf dem POESIEFESTIVAL Berlin:
Eugenijus Ališanka (links), Giedrė Kazlauskaitė (2.v. links),
Laurynas Katkus (rechts), Rolandas Rastauskas (2.v. rechts).
In der Mitte Moderatorin Karolina Golimowska.
Nein, eine einfache Antwort auf die Frage nach der eigenen Heimat geben Poeten wohl selten; verbunden wird sie aber meist mit dem dezenten Hinweis auf die nur rund 3 Millionen Litauer/innen, die sich auf der Welt behaupten müssen. Die naheliegendste Heimat, erst recht für Schreibende, ist daher die litauische Sprache. „Sprachhalluzinationen“, wie sie Laurynas Katkus benannte, kennen wohl auch alle diejenigen in verschiedenster Form, die beruflich oder privat zwischen verschiedenen Ländern pendeln. In Litauen zu leben (die meisten der Anwesenden meinten damit Vilnius), in Litauen zu leben, dass sei einerseits ein Gefühl zwischen Ost und West, und andererseits sei man froh darüber, ein relativ ruhiges Leben führen zu können. Gemeint war damit, soviel wurde ergänzt, die Abwesenheit von jeglichem Totalitarismus. Oder, eine noch einfachere Antwort auf die Frage nach der Heimat gab Rolandas Rastauskas: ob man die Schnecke denn auch üblicherweise danach frage, wo ihr Haus sei? Offenbar verstehen sich Poeten mehrheitlich als eine Art Reisende (meine Heimat ist dort, wo ich schreiben kann?). Nicht wenige Schreibende gingen ja während der Sowjetzeit ins Exil: Tomas Venclova ist hier einer der bekanntesten Namen. Aber Litauen habe auch starke Autoren der litauischen Perspektive vorzuweisen: als Beispiel wurde Marcelijus Martinaitis genannt.
Giedrė Kazlauskaitė wiederum definierte ihren privaten Ausgangspunkt als von ihrem Stadtteil in Vilnius bestimmt, wo relativ viele Polen, Russen und Menschen anderer Herkunft lebten. Überhaupt, die Schönheit der litauischen Hauptstadt: Vilnius sei vielleicht wie eine Frau, stellte Rastauskas in den Raum – wer sie einmal geliebt habe, könne sie nie vergessen. Auch ein Satz von Czeslaw Milosz wurde zitiert: die Wolken über Vilnius seien der beste Barock.

Gefragt nach dem Verhältnis zu Polen wurde vieles Positive aufgezählt: Polen als Litauens Fenster zum Westen in der Sowjetzeit, gemeinsame Erfahrungen und Gefühlslagen der sowjetischen Okkupation. Der Hintergrund dafür sei aber nicht die sogenannte „gemeinsamer Geschichte“, betonte Eugenius Ališanka. Er erinnerte auch an das Projekt „Literaturexpress Europa 2000“, das ebenfalls interessante Gespräche u.a. zwischen Litauern und Polen gebracht habe. Für die Berliner Literaturwerkstatt war es damals ein Anfang des intensiven Austausches auch mit Litauen (100 Autoren aus 43 europäischen Ländern reisten per Eisenbahn durch Europa). DIE ZEIT notierte damals in Vilnius „Kneipengespräche“, der „Tagesspiegel“ fünf Programme und Schnee auf dem Hotelfernseher, „Freitag“ bemerkte „Free Jazz am Hauptbahnhof“ (was auch Thomas Wohlfahrt als erfrischendste Erinnerung an Vilnius notierte).

Nein, ein geringes Selbstbewußtsein hätten die litauischen Poeten nie gehabt, meinten die Podiumsteilnehmer/innen übereinstimmend. Im Gegenteil: in den zurückliegenden Jahrzehnten seien litauische Dichter immer ziemlich von sich überzeugt gewesen, so dass man vielleicht sogar sagen könne, sie hätten etwas auf andere herabgeschaut. Nun ja, ein hohes Image genießen Schriftsteller in Litauen tatsächlich. Jeder Litauer ein Poet? Nun ja, gibt Laurynas Katkus auf Nachfrage lächelnd zu – vielleicht heute nur noch jeder zweite. Die Literaturwerkstatt Berlin kündigte bis zur Leipziger Buchmesse 2017 noch mehr litauisch-deutsche Projekte an.

Performance Arkady Gotesman + Rolandas Rastauskas

01 Juni 2016

Litauen ganz baltisch - in Venedig

Die Idee Litauen mit Estland und Lettland gemeinsam zu repräsentieren wird derzeit bei der BIENNALE in VENEDIG verwirklicht, die am 28. Mai eröffnet wurde. Seit der EXPO 2000 in Hannover, einer der ersten Präsentationen der baltischen Staaten im Ausland nach wiedererrungener Unabhängigkeit, war man an das "traute Nebeneinander" gewohnt: auf der Suche nach Aufmerksamkeit, am besten aber für sich selbst. Während Estland sich gerne zu den nordischen Ländern sortiert, und Litauen und Lettland gegenseitige Verwechslung in der ahnungslosen internationalen Öffentlichkeit beklagen (Hauptstadt von Litauen? Riga? Best besuchtes Tourismusziel Lettlands? Die Kurische Nehrung?), haben gemeinsame Projekte Seltenheitswert.

Das Architektenteam des "Baltischen Pavillions"
Nun also der "Baltische Pavillion", auf insgesamt 1600m². Die baltischen Staaten als "gemeinsamer Raum der Ideen" - so interpretiert es Litauen. Von "kürzlich aufgetretenen geopolitischen Entwicklungen rund um die baltischen Staaten" redet die Presseerklärung des litauischen Kulturministeriums, und einer sich daraus ergebenden "Dringlichkeit der Zusammenarbeit". Das schwingen im Hintergrund Stichworte wie "Krim" und "Ukraine" mit - aber konkret angesprochen wird es an dieser Stelle nicht.

Was blieb von bisherigen litauischen BIENNALE-Beiträgen? Aus Sicht der deutschsprachigen Medien fiel dem "Kunstbulletin" schon 2002 der litauische Künstler Deimantas Narkevičius auf, 2007 wusste das ART-Magazin von einer "lobenden Erwähnung" zu berichten; 2009 fiel der litauische Beitrag u.a. dem "Kunstforum" auf. 2011 notierte der "Spiegel" einen Sonderpreis für Litauen, 2013 schrieb die "Vogue" von einer "speziellen Erwähnung" (auch bei 3sat). Dass auch Jonas Mekas schon in Venedig präsent war, muss fast nicht extra erwähnt werden. Das ist - zusammengefasst - doch relativ viel Aufmerksamkeit für Künstler aus einem Land, dass nicht so regelmäßig im Zentrum des Interesses steht. Wer wie Žilvinas Kempinas einmal einen Beitrag in Venedig abgeliefert hat, braucht sich nicht um genug Stoff für alle nachfolgenden Presseberichte zu kümmern (aktuell: "Kulturzeitschrift").

Die bisherigen litauischen Beiträge in Venedig bezogen sich auf den künstlerischen Teil der Biennale. Zur gegenwärtigen Beteiligung auch an der Architektur-Biennale werden aus litauischer Regierungssicht weniger künstlerische als industriepolitische Zielsetzungen in den Vordergrund gestellt. In einem Atemzug werden politische Wunschprojekte vom Flüssiggas-Transportschiff "FSRU Independence" bis zur Schnellbahnstrecke "Rail Baltica" in Verbindung mit dem Venedig-Pavillon gebracht - solche Texte tauchen auch in der Selbstdarstellung des Pavillions wieder auf. - Veröffentlichungen in der lettischen oder estnischen Presse sind fast wortgleich. "Die Ausstellung erzählt nicht davon, was jedes der beteiligten Länder Besonderes hat, sondern von den Gemeinsamkeiten", so zitiert die Zeitschrift "IR" das Team der beteiligten Architekten. Nicht viel anders stellt es das estnische Zentrum für Architektur dar. "Die drei beteiligten Staaten haben im wesentlichen dem Projektteam vertraut", äussert der litauische Kurator Jonas Žukauskas in einem Interview auf "Arterritory", "staatliche Stellen waren mit dem Projekt nicht befasst." Auf litauischer Seite ist die "Stiftung für Architektur" (Archfondas) der Projektträger.Aber auf die Frage nach realen "baltischen" Gemeinsamkeiten fällt Žukauskas vorläufig auch nichts anderes ein, als auf den "Baltischen Weg" zu verweisen - das ist immerhin schon 27 Jahre her. Und er zitiert gleichzeitig den Philosophen Wittgenstein mit den Worten: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Auf das die drei beteiligten Staaten in Venedig eine gemeinsame Sprache finden mögen ...

Begleitend zur Ausstellung wird ein "Baltischer Atlas" erscheinen, eine Publikation, die Texte aller beteiligten Architekten enthält.

Webseite "the Baltic Pavillion" - Facebookseite1   - Facebookseite2

Nachtrag: ARTSY sieht den "Baltischen Pavillon" als einen der 10 besten in Venedig.