30 Dezember 2008

Schöne Aussichten

Um die Jahreswende herum sind viele wohl verleitet, Ereignissen eine höhere Bedeutung zuzumessen als gewöhnlich. Also, aus litauischer Sicht: was bedeutet es, wenn?
Ist daraus
auf eine Tendenz für 2009 zu schließen?

Weihnachtsbaum-Politik
Wenn also - wie dieser Tage das litauische Außenministerium berichtet, in der georgischen Hauptstadt Tblissi seien am 28.12. die Lichter eines Weihnachtsbaum aus Litauen entzündet wurden. Was soll uns das verkünden? "Für die Kinder in Georgien," so sagt es Außenminister Vygaudas Ušackas. Oder ist ein anderes Detail dieser Pressemeldung vielleicht wichtiger? 10 Tage brauchte der Baum für den Transport von Litauen nach Georgien - ein Hinweis für die westlichen Alliierten, sich um "strukturverbessernde Maßnahmen" zu kümmern? Oder sollen - auch möglich - im kommenden Jahr alle Kulturhaupstadtsweihnachtsbäume nach dem litauischen Weihnachten dann am 28.12. irgendwo anders aufgestellt werden? Als kulturelle Kunde an die übrige Welt? -
Bisher waren wir ja gewohnt, dass Litauen selbst den Fer
nsehturm in Vilnius schmückt und Jahr für Jahr geduldig verkündet, dieser sei der größte Weihnachtsbaum der Welt.

Kulturhauptstadt auf Sparflamme
Weitaus mehr Sorgen machen da schon die angekündigten drastischen Budgetkürzungen für die Programme der Kulturhauptstadt Vilnius. Hoffentlich gilt hier nicht die Regel: Pech hat, wer erst im November oder Dezember seinen Auftritt hat.



Versöhnung und Erinnerung
Positiver wirken da schon die Gespräche zwischen Litauen und Israel. Außenminister Ušackas empfing den israelischen Botschafter Chen Ivri, der allerdings in Riga residiert. Es gab einige naheliegende Gesprächsthemen, wie die Streitfragen rund um das Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhof in Šnipiškės, und die litauischen Bemühungen, das Leiden der litauischen Juden im 2.Weltkrieg und den Holocaust zum Unterrichtsthema des litauischen Bildungswesens zu machen. Ušackas äußerte außerdem die Hoffnung, dass auch bald eine israelische Botschaft in Vilnius eröffnet werden könne, und er zeigte sich erfreut, dass im August 2009 der "World Litvak Congress" in Litauen stattfinden werde. (Ergänzung dazu: Stellungnahme Litauens zu den gewaltsamen Konflikten im Gaza-Streifen)

Sparen und Steuern einnehmen - möglichst gleichzeitig
Nicht ganz einig scheinen sich dagegen Präsident Adamkus und der frisch ins Amt gekommene Regierungschef Kubilius zu sein. Optimismus äußerte Kubilius im Rahmen einer Pressekonferenz für 2009; falls der Plan zur Bekämpfung der ökonomischen Krise vom Parlament angenommen werde, könnten auch für Litauen schlimmere Folgen verhindert werden. Nur kurze Zeit später stoppte Präsident Adamkus eine Kürzung der Zahlungen des litauischen Rentenfonds durch sein Veto.
Nicht gestoppt hat Adamkus dagegen einen Gesetzentwurf, nach dem alle litauischen Autobesitzer in Zukunft eine Art "Monatsgebühr" für die Nutzung ihres fahrbaren Untersatzes zahlen sollen - von 15 bis 20 Litas monatlich ist die Rede (4,40-5,80 Euro). Sicher ist bereits, dass für Firmenwagen ab Januar noch mehr fällig werden wird (150 Litas).

Auch Sport treiben wird teurer
Ebenfalls nicht einig mit der Regierungspolitik zeigten sich einige der populärsten Menschen Litauens: die Sportstars der litauischen Basketballliga. Aus Protest gegen neue Steuerregelungen wurden vor Weihnachten einige Spiele abgesagt. Es ist vorgesehen, dass Sportler zusätzlich zu den gegenwärtig 15% Einkommenssteuer auch 6% für die Gesundheitsvorsorge und nochmals 1% für Sozialversicherungen zu zahlen haben. Auch eine Tätigkeit als Trainer wird jetzt mehr besteuert werden, dazu kommen noch Mehrbelastungen auch für die Sportclubs.

Krise im Nachbarland größer?
Eine Frage bleibt denen, die nicht nur Litauen, sondern auch Lettland und Estland mit Interesse beobachten. Warum eigentlich scheinen die Folgen der Weltwirtschaftskrise auf die beiden baltischen Nachbarländer stärker durchzuchlagen als auf Litauen? In Lettland z.B. ging die Parex-Bank pleite, die Inflation ist nach wie vor hoch, und es gibt Gerüchte um eine Abwertung des Lat - Vergleichbares gab es bisher in Litauen nicht. An einer Analyse versucht sich ein Artikel im Handesblatt: Litauen sei einfach bei den Exporten erfolgreicher - ein Schwachpunkt der beiden Nachbarstaaten. Im Jahresvergleich seien die Exporte Litauens von Januar bis September 2008 um 34 Prozent gestiegen.

Also: suchen wir uns das Positive raus, wie immer. Damit wir als Optimisten ins Jahr 2009 gehen können.

Ach ja, und übrigens: an alle
Mitarbeiter/innen des diplomatischen Dienstes der Republik Litauen werden 2009 einheitliche Anstecker verteilt (siehe Abbildung links). Entworfen hat sie die Künstlerin Ilona Kukenytė schon vor 10 Jahren - die Diplomaten sollen so für ein einheitliches "Branding" des Kulturhauptstadtjahres sorgen.

26 Dezember 2008

Weihnachtliche Litauerfahrt vor Australien

Es klingt ein wenig verspätet, wenn jetzt noch zur "Millenium Odysee" aufgerufen wird. Aber die Crew ist ja auch bereits seit Oktober 2008 unterwegs, und möchte mit der Segeljacht "Ambersail" den Namen Litauens in alle Winkel der Erde tragen. Aha - jetzt wird es klar - es ist ein anderes Millenium gemeint, das litauische. 1000 Jahre ist es her, dass der Name Litauen zuerst urkundlich erwähnt wurde (in den Quedlinburger Annalen). Daher feiert die Bernsteinseglertruppe dieses Jahr Weihnachten in ... Australien.

Am 8.Oktober 08 hatte die "Ambersail" einen Tag in Kiel Station gemacht (dort auch bekannt durch den "Baltic Sprint Cup"). Ansonsten geht die weite Reise meist entlang englisch- oder französischsprachiger Länder. Am 17.Dezember hatte der litauische Außenminister Vygaudas Ušackas die jetzige Besatzung in Litauen verabschiedet, und Weihnachten wird nun in Adelaide in Australien gefeiert, zusammen mit etlichen Litauern, die dorthin ausgewandert sind.

Insgesamt werden während 9 Reisemonaten des Segelbootes (ca. 200 Segeltagen) sich 120 verschiedene litauische Skipper auf dem Boot abwechseln. Das Schiff wird auf seiner Reise insgesamt 24 verschiedene litauische Volksgemeinschaften in 19 Ländern besuchen.

Die Route der Ambersail live online verfolgen

Webseite der Millenium-Reise

20 Dezember 2008

Ein litauischer Jimi Hendrix

Woran sind "junge Autoren" zu erkennen? Na, vielleicht an den Antworten auf die Frage, wieviel Zeit sie zum Schreiben ihrer Werke benötigen. Zwei Jahre, drei Jahre, das könnte die Antwort sein - versehen mit dem Zusatz: "inzwischen ist ja ganz schön viel passiert". Ungewöhnlich früher Erfolg bringt turbulente Lebensführung - so stellen es sich vielleicht diejenigen vor, die es gern nachahmen würden.
Was macht man an einem Abend (19.12.08), wo Wladimir Kaminer in der Stadt ist? Vielleicht mal JUNGE Autor/innen einladen, dachte sich vielleicht auch das Team der Schwankhalle in Bremen. Erstaunlich also, dass auch hier der Saal gut gefüllt und das Interesse groß war. Das anwesende Publikum traf Theresa Bäuerlein, Alina Bronsky und Benedikt Wells zum ersten Mal - und diese sich gegenseitig wohl gleichermaßen.

Alle drei haben sich inter-kulturelle Themen vorgenommen in ihren Büchern: Alina Bronsky die Lebenswelten von Russlanddeutschen in Deutschland, Theresa Bäuerlein den Blick einer jungen Deutschen auf das Alltagsleben in Israel. Benedict Wells, 24 Jahre alt, spiegelt in seinem Erstling "Becks letzter Sommer" einen alternden Musiklehrer ("Beck"), der einen Teil seiner verblichenen Jugendträume in einem unscheinbaren Schüler seiner Klasse heranreifen sieht - Rauli, ein Außenseiter aus Litauen. Aber als Solist an der E-Gitarre "besser wie Jimi Hendrix", wie sein Lehrer erstaunt feststellt. Aus Litauen? Ja, doch. Allerdings sind die osteuropäischen Versatzstücke (im Gegensatz zu den beiden Büchern von Alina Bronsky und Theresa Bäuerlein) auch eher etwas künstlich zusammengebastelt. Im Gespräch gibt Wells offen zu, noch nie in Litauen gewesen zu sein. Seine eigene Schulrealität hat er in drei verschiedenen bayrischen Internaten verbracht, glücklich, wie er sagt.

Warum also Litauen? Ein Land, das zwar 2002 schon mal Buchmessenschwerpunkt in Frankfurt war, aber sich doch die internationale Berühmtheit eigener Autor/innen immer wünscht, so dass der Name Litauen in die Welt hinausgetragen wird?
"Mir war klar, die Figur dieses Rauli muss ein Ausländer sein," sagt Wells, danach befragt. "Ein Außenseiter in der Klasse." Litauer in Deutschland also vor allem Außenseiter? Gut, die Frage wäre an die Litauer selbst zu stellen. "Ich wollte dem Lehrer Beck eine Chance geben, damit dieser Schüler sich überhaupt mit ihm abgibt und um ihn kümmert - so ein cooler deutscher Schüler, das hätte eben nicht gepasst."

Und warum ein Lehrerschicksal? "Alles so vorgeplant, vorhersehbar" - so Wells über das seiner Meinung nach typische Berufsbild der Lehrkörper- "Mittelmaß gegen Genie" als Themenentwurf. Und "Ich kannte einen Lehrer sehr gut, der in den 30ern war." Eine Ausnahme von dieser selbst aufgestellten "Langeweiler"-Regel? Dieser Lehrer
hat, so Wells, auch die ersten Fassungen des Buches gelesen und Ratschläge gegeben. Das wird keine leichte Arbeit gewesen sein: denn so sprudelnd Wells redet und sich reden hört ("ich vergesse manchmal schon, dass ich das geschrieben habe, was ich vorlese"), viel und lang schreibt er offenbar. Mit vielen Schmerzen und nach vielen Diskussionen auch mit den Lektoren musste ein Entwurf von 1500 auf 450 Seiten "eingedampft" werden. Selbst die Stelle wo vom Sterben eines alten Mannes die Rede ist, liest Wells rasch, ungeduldig, eher so, als ob es um eine Verfolgungsjagd im offenen Sportwagen ginge.

Und wie geht es jetzt weiter mit Benedict Wells? "Ja es stimmt, auch für den Musiker aus Litauen gab es Vorbilder," sagt er. "Der war auch relativ erfolgreich (in Litauen), spielte bei 'Flamingo' (verließ diese später aber), und wohnt in der Nähe von Vilnius. Nächstes Jahr, wenn Vilnius Kulturhauptstadt ist, will ich ihn unbedingt mal besuchen."
Dass aus dieser Begegnung dann sehr bald wieder Bücher werden, darauf dürfen die geneigten Fans leider kaum hoffen. Wells hat sein zweites Buch längst fertig und schreibt gegenwärtig an seinem dritten. Der Rest ist wohl eher Verlagspolitik oder Verkaufsmanagement, den jungen Autor ständig im Gespräch zu halten - Musiker können eine CD nach der anderen herausgeben, "junge Autoren" werden langsam aufgebaut. Stoff zum Schreiben scheint es aber genug zu geben.
Und wie fühlt es sich so an, als junges Mitglied im Literatur-Verkaufsgeschäft? "Manche Kritiker mögen mich nicht," hat auch Wells erkannt. "Es sind nicht viele - aber bei Google schwimmen sie leider oben wie Fettaugen in der Suppe."


Mehr:

Theresa Bäuerlein und "Das war der gute Teil des Tages"

Alina Bronsky und "Scherbenpark"

Benedict Wells und "Becks letzter Sommer"


Die litauische Gruppe "Flamingo"

Das Buch "Becks letzer Sommer" wird in der nächsten Sendung der "Baltischen Stunde" (Radioweser.tv) am Donnerstag, den 15.Januar 2009 ausführlich vorgestellt werden.

13 Dezember 2008

Kultur- und Mentalitätsforscher unterwegs

Was bedeutet es, eine Fremde oder ein Fremder zu sein? Diese Perspektive auf künstlerische Weise zu erforschen, haben sich Tomas Čiučelis und Jovita Ambrazaitytė (Foto rechts) vorgenommen. Dafür gehen sie zunächst auf Reisen: unterschiedliche Perspektiven müssen "erarbeitet" werden. Das Projekt erreichte am Freitag, den 12.Dezember 2008 - nach vorangegangenen Stationen in verschiedenen Orten Litauens und dem polnischen Krakau die Hansestadt Bremen. "MES VISI SKRITINGI, VISI VIENODI" (Wir sind alle verschieden, alle gleich), so lautete ihr Arbeitsmotto.

Was die beiden Künstler dann als Projektion auf Großleinwände zaubern, ist eine Kombination aus Fotos von möglichst verschieden aussehender Menschen und von Wörtern, in zufällig wechsender Kombination einfache Sätze bilden. So entstehen in zufälliger Reihenfolge entweder plötzlich logische Aussagen, wie auch fantasievolle zum Nachdenken anregende Behauptungen.

Das ganze Projekt erforderte eine Menge Vorarbeit. Angefangen damit, so erzählt die Kuratorin Rimantė Černiauskaitė, dass in Litauen gegenwärtig aufgrund der internationalen Banken- und Finanzkrise vor allem Kulturetats zusammengestrichen werden. Gerade die kleineren Projekte hätten darunter zu leiden, so die Projektinitiatorin, die für das Litauisch-Deutschen Forum aktiv ist. Aber sogar die Mittel für das Programm der Europäischen Kulturhauptstadt Vilnius sollen nun um 8 Mill. Litas gekürzt werden (Bericht dazu)

Die Künstler möchten mit ihrem Projekt ihre Mitmenschen provozieren, sich Gedanken zu machen über tiefverwurzelte Stereotypen, eigene und fremde Sichtweisen, oder möglichen Veränderungen und Gemeinsamkeiten zwischen Menschen. Grundlage der Projektionen sind Fotowerkstätten, in deren Rahmen als Ergebnis die Fotos von Menschen entstehen, die sich bereit erklärt haben mitzumachen - und so Teil des Projektes zu werden. Jede und jeder tritt so auf, wie sie oder er sich selbst wohlfühlt: allein oder zu zweit, in Volkstracht oder in Arbeitskleidung, mit Kind oder in Porträtform. "Fremdartig" oder auch vertraut wirken die Fotos als Bestandteil der Projektionen unter freiem Himmel erst durch die unterschiedlichen Aufführungsorte: in Bremen durfte also geraten werden, welche Fotos wohl in Litauen und welche in Polen entstanden waren. Als Projektpartner hatte sich die Medienwerkstatt im Bremer Kulturzentrum Schlachthof bereit gefunden.

"Und was passiert jetzt weiter?" Das wurden die drei "Kulturreisenden" am Ende der Vorführung gefragt. Das Publikum war auf den Geschmack gekommen: wie spannend doch Fotos und einfache Sätze sein können!
"Jetzt fahren wir erstmal nach Hause!" In dieser Antwort klang auch ein wenig Stolz mit, dass dieses Projekt trotz kleinen Budgets am Ende doch in drei Ländern durchgeführt werden konnte. Aber schon in wenigen Wochen beginnt das Jahr 2009 - und Europäische Kulturhauptstadt wird Vilnius sein. Da werden wir gespannt sein, was wir von diesen drei kreativen Menschen noch erwarten können und erleben dürfen!

mehr:
Projektselbstdarstellung bei "Tom Chatter" (litauisch)


Bericht bei Vtv.lt (Litauisch)

Bericht bei Alfa.lt (Litauisch)

11 Dezember 2008

Die Dame auf Truppenschau

Das neue Kabinett Kubilius stellte sich kürzlich im litauischen Parlament vor (Foto: LRT). Die internationale Öffentlichkeit bekam es schon einige Tage vorher mit: zwischen all den schwarzen Anzügen glänzt ein einziger Farbtupfer: Rasa Juknevičienė ist die einzige Frau in der neuen litauischen Ministerriege. Sie gebietet über einen vorwiegend männlich dominierten Bereich: das Militär.

Als Russland die Aufstellung eigener Kurzstreckenraketen im Gebiet von Kaliningrad ankündigte, und dies als Antwort auf die US-Raketenpläne in Osteuropa begründete, wurde Juknevičienė schon in der internationalen Presse mit der Forderung nach einem Verteidigungsplan der NATO zitiert (Die Presse, 9.11.08, Frankfurter Rundschau 6.11.08). Eins ist unbetritten: beim Thema NATO hat die neue Ministerin und ehemalige Kinderärztin Erfahrung. Bereits 1996 wurde sie Vorsitzende einer litauischen Pro-NATO-Vereinigung, so schreibt sie auf ihrer eigenen Homepage zu ihrem Lebenslauf. Seit 1999 wirkte sie dann in zwei litauischen parlamentarischen Komittees zu NATO-Fragen mit, im litauischen Parlament als Mitglied des Komittees für Sicherheits- und Verteidigung.

Allein auf der auch in Litauen gern in den Medien genutzten Umfrageskala nach den beliebtesten Politiker/innen taucht
Juknevičienė bisher noch nicht in führenden Positionen auf. Dort ist die gegenwärtige EU-Kommissarin Dalia Grybauskaitė an führender Stelle genannt - auch als Kandidatin für kommende Präsidentschaftswahlen (LRT 12.10.08).

25 November 2008

Freiwillig in Vilnius

Manche Fans der litauischen Hauptstadt Vilnius (ja, Vilnius! angeblich können Deutsche ja nur Wilna, Vilne oder Vilno sagen - aber warum nicht V-I-L-N-I-U-S?) können die letzten Tage des Jahres 2008 gar nicht mehr erwarten. 2009 wartet ein europäisches Hauptstadtgefühl. Und, wer könnte uns das Warten auf diese wahrscheinlich glorreiche Zeit verkürzen? In diesen globalen Medienzeiten ist es natürlich - ein neuer Blog.
Zwei Monate Kulturhauptstadtfeeling
"Wir kennen Vilnius inzwischen ein wenig, aber was wissen andere darüber?" so fragen sich Carina und Anna, die für zwei Monate im Rahmen des EFD (Europäischer Freiwilligendienst) im Büro der Europäischen Kulturhauptstadt Vilnius mitmachen dürfen. Im Herzen des Orkans also! Und dann auch noch deutschsprachig! Also: Nichts wie verschlungen, diese News.

Vom Engel, der nicht nach Deutschland darf
Ein Symbol, "um Vilnius für Resteuropa attraktiver zu machen" - so schreiben die beiden eifrigen Freiwilligen über den Engel als Kultursymbol von Vilnius. "Im Ausdruck mehr scherzhaft als biblisch" offenbar. Aber: in Mailand, Paris, Lissabon werden solche Vilnius-Engel zu sehen sein - in Österreich und Deutschland nicht. Zielgruppenstrategie? Engelverweigerung? Oder meint Vilnius, in Deutschland keine Konkurrenz zum bereits weitgehend bekannten Teufelsmuseum schaffen zu wollen / können (aber das liegt in Kaunas!)?

Was man über Vilnius wissen sollte
Anna und Carina machen "realtive Abgeschiedenheit" und "Sowjetvergangenheit" als Hindernisse für einen höhreren Bekanntheitsgrad der litauischen Hauptstadt aus. Und dann kommt die Liste der Dinge, die Besucher unbedingt wissen müssen:

- in Litauen wird mit Litas bezahlt (und noch nicht in Euro)
- für die Einreise nach Litauen ist kein Visum, und nicht einmal mehr ein Reisepaß nötig (zumindest für Österreicher, und auch Deutsche)
- Rauchen ist in Pubs, Restaurants und Cafés nicht erlaubt (anders als in Österreich!)
- Striktes Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen (was oft ignoriert wird, meinen A & C beobachtet zu haben)
- in Vilnius gibt es keine Straßenbahn, geschweige eine U-Bahn, dafür aber Bus und Bahn, auch Minibusse und O-Busse
- zur Wasserqualität ein hartes Urteil: theoretisch trinkbar, aber nicht unbedingt zu empfehlen (wenn das stimmt, oh Kulturhauptstadt, dann solltest du daran arbeiten!)
- als Hauptbestandteile der litauischen Küche werden Kartoffeln, Fleisch, Pilze und Sauerrahm erkannt, sowie bei den Getränken eine lange Tradition des Bierbrauens.
(Anna Wagner: "Müsste ich das Essen in wenigen Worten beschreiben, würde ich sagen: mit viel fett, viel kartoffeln und rosarote Suppe. Natürlich ist das eine Verallgemeinerung und kann sicherlich nicht auf alle Gerichte übertragen werden.....nur auf die, die ich bereits probiert hab...")

Ausgehen - wohin?
Anna und Carina lassen einige Tipps zur litauischen Disko- und Kneipenszene in Vilnius folgen.
"Transylvania - rustikal, und ähnlich einem Irish-Pub in Österreich", schreibt Carina. Aber: "für ein echtes Irish Pub - ich glaube, ich habe in Wien und Linz schon genug gesehen, um das beurteilen zu können - fehlt das richtige Interieur und die Stimmung. Wahrscheinlich ist Litauen zu weit von Irland entfernt, um den authentischen Stil zu besitzen…" Nun, liebe Carina, schon mal nachgemessen, die Entfernung zwischen Irland und Österreich??

Weitere Tipps: der "Play Club". Kommentar Carina: "Genau wie in „Vilnius in my pocket“ angemerkt, ist diese Location für mich auch mehr Bar als Club. Erstens ist das Pub viel zu klein, um sich Club nennen zu können und zweitens ist der Eintritt frei. (Welcher Club hat das schon?) .... Die Musik ist angenehm, um zu tanzen, Disko- und Elektromusik wird man hier aber nicht finden können. Letztes Mal z.B. legte der DJ hauptsächlich Reggae auf, normalerweise ist das Programm aber durchmischter."
Gut, da wissen wir schon Bescheid. Aber der Tipp mit dem freien Eintritt war doch nicht schlecht?

Oder das „Būsi Trečias“, in der Altstadt von Vilnius gelegen, wo Carina zufolge ungewöhnliche "Biercocktails" auf der Karte stehen.
Außerhalb von Vilnius haben die zwei Kulturfreiwilligen offenbar gemischte Erfahrungen gemacht. Während Trakai als Ausflugsziel ganz gut abschneidet ("wer sich unter eine der zahlreichen Touristengruppen mischt, kann sich die 4Litas Fotografiergebühr locker sparen"), wird Kaunas als eher langweilig beschrieben ("Keine belebten Straßen! Man kann einige der zahlreichen Hochzeitsgesellschaften bewundern, und das war's!"). Auch in Klaipeda hat den beiden Ösi-Mädels nicht wirklich gefallen: die Stadt "ist zwar groß, aber wirklich was zu sehen gibts auch nicht. (Außer natürlich man verbringt die Tage damit von einem Museum zum anderen zu pilgern...)"

Also: Vilnius als Kulturstandort ist offenbar keine schlechte Wahl. probieren wir die Vorzüge von Vilnius selbst aus! Dass manchmal "mangelnden Information und unprofessionellen Kommunikation" festgestellt werden, daran läßt sich ja noch arbeiten. Carinas Fazit über Vilnius: "Über Vilnius selbst lässt sich eine Menge erzählen. Generell habe ich den Eindruck, dass sich die Stadt nicht mit Wien oder einem anderen österreichischen oder zentraleuropäischen Ort vergleichen lässt. Aber genau das macht den besonderen Reiz hier aus."

Anna's & Carina's Blog

22 November 2008

Vilnius: Kulturkampagne startet

"Wir werden eine ganze Reihe von Veranstaltungen haben, die eine Zusammenarbeit mit deutschen Künstlerinnen und Künstlern beinhalten," so kündigt es Evaldas Ignatavičius, Botschafter der Republik Litauen und Gastgeber der Auftaktpräsentation "Vilnius - Europäische Kulturhauptstadt 2009" am vergangenen Dienstag in Berlin an. Und weil gleich schon die ersten Sekunden des litauischen Kulturhauptstadtjahres ebenfalls von einem Deutschen gestaltet werden, gebührte dem Hauptakteur und Lichtdompteur Gerd Hof auch gleich der Auftritt bei der ersten Präsentation der Kulturhauptstadt Vilnius in Deutschland.

Helle Nacht des Guten Rutsches
"Wo Gerd Hof auftritt, da sorgt er für Aufregung," - so steht es als Eigendarstellung auf der Hof'schen Webseite zu lesen. Daran gemessen, ging es in Berlin diese Woche ruhig zu. Außer der Nachfrage, ob angesichts des enormen Energieverbrauchs für so ein Lichtspektakel kein Sponsor aus der Industrie in Sicht sei (Antwort: "nein"), hatte die durchaus zahlreich versammelte deutsche Presse keinerlei Fragen. Ob dies ein Zeichen für pures Staunen war, oder einfach schlicht niemand etwas über Vilnius zu sagen oder fragen weiß, wird sich eventuell an der folgenden Berichterstattung ablesen lassen. Gerd Hof jedenfalls wird mit seinem Event @hofmann_Spragtukas die Nacht vom 31.Dezember in den 1.Januar 2009 in Vilnius erleuchten (eine moderne Interpretation von E.T.A Hoffmann's Märchen und Tschaikowskys Ballett "Nußknacker" - musikalisch untermalt von Kompositionen von Linas Rimša, Marius Matulevičius und Marius Adomaitis).

Mit acht Takten ins Jahr 2009
Hof arbeitet nicht zum ersten Mal in Vilnius: bereits im Oktober 2007 hatte Hof seinen erleuchteten Beitrag zum Geschäftszentrum "Vilnius Vartai" in Vilnius abgeliefert. "Nun ich auch direkt an der Kathedrale, also im Herzen von Vilnius, arbeiten können", äußerte Hof sich erfreut, und fügte hinzu: "Ich werde selbstverständlich bemüht sein, die Würde dieses Platzes zu wahren."
Ein wenig zurückhaltend übte sich Hof auch im Vokabular der Feuerwerker, wo auch mal von "Bomben" die Rede ist, wenn eigentlich nur Feuerwerkssalven oder gigantsche Lichtanlagen und Laserkanonen gemeint sind. Das Hof-Spektakel wird - im Anschluss an die Nußknacker-Aufführung - insgesamt nur 20 Minuten dauern, aber mit seinen acht Teilen sicherlich einige Knalleffekte bereithalten (Bezeichnungen der einzelnen Teile: das Jahrtausend Litauens, der Pfeilschuß des Gediminas, die Nationalfarben Litauens, die Sonne von Vilnius, das Bild Europas, die Kathedrale von Vilnius, die Mündung des Flusses Vilnelė, die Basilika in Moll). Die Programmverantwortlichen versprechen sich sogar eine Verbindung mit dem Kosmos: mit etwas Glück (eine klimaerwärmte Nacht?) soll sich das Licht 400m im Durchmesser, aber 50km hoch ergießen - also vom Weltall aus zu sehen sein (ob da jemand beauftragt ist, das zu kontrollieren?).

Veranstaltungsmarathon

Wer aber nicht gleich am ersten Tag des Jahres 2009 in Vilnius sein kann, wird sich im weiteren Jahreslauf sicher nicht langweilen: insgesamt 120 künsterlische Pr
ojekte stehen auf dem Programm, 900 verschiedene Veranstaltungen - davon 600 mit freiem Eintritt. 11 musikalische Werke sind für diesen Anlaß neu geschaffen worden und werden uraufgeführt. Einige international bereits bekanntere Namen litauischer Künstler/innen sind dabei (wie Oskaras Koršunovas, Arūnas Matelis), und auch Kunstrichtungen, für die aus Litauen bereits bisher nachhaltige Beiträge kamen (wie „Kultfluxas").

Einige weitere deutsche Bezüge sind - wie schon Botschafter Ignatavičius ankündigte - zu verzeichnen. Hier einige Beispiele:

--- bei COOL! - dem Festival der Kinder- und Jugendtheater vom 12.-16.Mai 2009 werden sich auch deutsche Partner beteiligen

--- vom 14.-17.Mai werden sich im Haus der Philharmonie in Vilnius die Mitglieder der European Festivals Association (EFA) versammeln, ein europaweites Kulturnetzwerk auch mit Mitgliedern aus Deutschland (z.B. dem MDR Musiksommer, den Berliner Festspielen, oder dem Bonner Beethovenfest).

--- vom 8.-12.Juli 2009 werden eine Reihe bekannter deutscher Kunstgalerien an der ART VILNIUS teilnehmen

--- beim Jugendfestival "Junges Europa - junges Litauen" werden vom 26.-31.Juli 2009 auch deutsche Jugendliche in Vilnius zu Gast sein (Organisation: Litauischer Jugendring).

--- am 20. & 21.August 2009 wird Frido Mann, Enkelsohn des Schriftstellers Thomas Mann, seine Texte zum Projekt DELUGE beitragen, in dessen Rahmen der Jazzmusiker Vladimiras Tarasovas zusammen mit dem Trio GTC (Večiaslavas Ganelinas, Vladimiras Tarasovas and Vladimiras Čekasinas) und einigen weiteren Musikern spielen wird.

--- beim KLEZMER-FESTIVAL vom 25.-29.August in der Altstadt von Vilnius werden auch deutsche Gastmusiker/innen zu sehen und hören sein.

- vom 18.-20.September wird FOLK-SHOCK 2009 geboten, voraussichtlich mit Beteiligung von CORVUS CORAX und POLKAHOLIX aus Deutschland.

--- im Oktober 2009 wird auf dem Gelände des EUROPOSPARKAS ein Festival europäischer Dokumentalfilme stattfinden, zu dem es auch deutsche Entries geben wird.

--- vom 2.-26. Juni 2009 wird es im Rahmen des Projekts “ARTscape”/”MENOrama” eine Präsentation von Essen 2010 geben

--- und auch vom 28.November bis 6.Dezember 2009 präsentiert sich RUHR 2010 mit Unterstützung des Goethe-Instituts in Vilnius

--- nahezu das ganze Jahr 2009 über gibt es das Festival der sakralen Musik, in dessen Rahmen es dann am 21.Mai 2009 ein Konzert des Chors der Berliner Kathedrale in Vilnius geben wird.

In der österreichischen Presse - vielleicht motiviert durch Linz als Partner-Kulturhauptstadt von Vilnius - sind derweil Details zum Start der internationalen Werbekampagne von Vilnius zu lesen. Auf 9 Millionen Euro taxiert die Kleine Zeitung in ihrer Ausgabe vom 12.11.08 die Kosten von litauischen Werbespots bei den Fernsehsendern CNN und BBC. Mit Linz wird das - taktvoll - nicht verglichen, aber da hier schon eine litauische "Marketingmaschine" vermutet wird, lässt doch auf einen gewissen Neidfaktor bei den Alpenländlern schließen. Auch das Gesamtbudget des Projekts Kulturhaupstadt Vilnius wird hier zitiert:
für die Jahre 2008-2010 seien es 300 Millionen Litas (86,9 Mio. Euro), aufgeteilt in 100 Mio. Litas für künstlerische Projekte (sowie für Werbe- und Marketingmaßnahmen, die mit umgerechnet 9 Mio. Euro budgetiert sind) und 200 Mio. Litas für Infrastruktur.

Weitere Infos:

Webseite Kulturhauptstadt Vilnius

Konzept "Young Europe - young Lithuania"

Infos zum Projekt DELUGE mit Frido Mann

11 November 2008

Mit Russland reden - oder lieber nicht?

Litauen, Russland, und Europa - wohin führt der Weg?
Von einer Rückkehr zur Normalität der Beziehungen mit Russland möchte Litauen momentan nicht sprechen - zunächst seien die Vereinbarungen zu Georgien zu erfüllen, die Russland gegenüber der EU zu erfüllen habe. "Mit Abschluß der Sonderabkommen mit Süd-Ossetien und Abchasien hat Russland gezeigt, dass es nicht beabsichtigt, die mit der EU getroffenen Vereinbarungen zu erfüllen," so sagte es Žygimantas Pavilionis, Unterstaatssekretär im litauischen Außenministerium. Dahinter steckt einerseits die Forderung, Russland möge seine militärischen Positionen so wiederherstellen, wie sie vor den bewaffneten Auseinandersetzung in Georgien waren, und anderseits die Furcht, "Ähnliches wie in Georgien" - also ein militärisches Eingreifen Russlands in Nachbarländern immer dann, wenn der Kreml russische Interessen gefährdet sieht.

Aber gegen ein Wiederaufnahme der Gespräche zwischen der Europäischen Union und Russland zu plädieren (gemeinsam mit Polen), sorgte auch für Stir
nrunzeln. Für die Pragmatiker der EU wird ein Satz immer oben an stehen: Miteinander reden ist die einzige Strategie zur Vermeidung von größeren Konflikten. - Nur: der größte anzunehmende Unfall - Krieg (in Georgien) - war schon eingetreten, und die EU war nicht in der Lage gewesen, diese Eskalation zu verhindern. Grund genug wiederum für einige osteuropäische EU-Mitgliedsstaaten, die EU-Kolleg/innen grundsätzlich für "zu weich und zu nachgiebig" gegenüber Russland zu halten.

Meine Raketen - deine Raketen
Dazu kommt noch die leidige Raketenfrage. Erst müssen Interessen der USA offenbar unbedingt durch Raketenstationierung in direkter Nachbarschaft Russlands gesichert werden, nun kommt auch Russlands Präsident Medwedjew mit neuen Raktenplänen in Kaliningrad aus der Deckung. Details zu dem in Kaliningrad zu stationierende System der russischen Iskander-Raketen veröffentlichte zum Beispiel Kommersant (9.11.08 -siehe Foto). Klar ist, das hiermit nicht nur Litauen, Polen oder der Osten Deutschlands ins Visier genommen werden, sondern mit einer Reichweite von 500km nahezu jedes Ziel in Nordosteuropa.

Wie ist also die Lage einzuschätzen? "Eine Hand für Russland" so fällt die Zwischenbilanz der Süddeutschen Zeitung aus, und es wird nicht zu erwähnen vergessen, dass wohl Polen auf eine Beilegung des Streits um Lebensmittellieferungen nach Russland hoffen darf, Litauen aber mit der von russischer Seite unterbrochenen Energieversorgung für die Raffinerie Mažeikiai kaum Ähnliches erwartet.
Der Standard dagegen widmet sich in seiner Ausgabe vom 10.11. den sonstigen Plänen der Region Kaliningrad und fördert - angesichts der aktuellen Vorzeichen - Überraschendes zutage. Riesige Casino-Areale einerseits, neue Hotels und Radwege andererseits hat Kommentator Michael Gorodkov in "König" (wie sich die Region manchmal selbst nennt) ausgemacht. Und eine Sonderwirtschaftszone, der die Einwohner weglaufen: Russen müssen mit ökonomischen Zusagen dazu bewegt werden, in die Exklave zu ziehen. Da läßt sich vermuten, dass schussbereite Raketen weder den Hotels noch den Radwegen zu Gute kommen wird, und der Kreml da wohl andere Pläne hat.

Ziele, Taktik, Untertöne
"Was ihr da macht, ist wirklich gefährlich!" Das will laut "die Presse" der luxenburgische Außenminister Jean Asselborn der russischen Seite gerne sagen, und sagt auch, dafür müsse man eben an einem Tisch sitzen.
Ausgerechnet die konservative WELT meint nun Entgegenkommen bei Russlands Präsident Medwedjev zu erkennen, und zwar in dessen Lob für Frankreichs Präsident Sarkozy, weil diesem das „Hauptverdienst bei der Überwindung des Widerstands einiger EU-Länder“ zukomme. In diesem Punkt steht die WELT in einer Reihe mit der russischen Nachrichtenagentur RIAN, die in der vergangenen Woche gleich mehrmals Litauen als Hauptgegner ausrief (und einige Westmedien druckten es genauso nach).
Also: erst kleine Gegner aufbauen, um dann bei den Großen taktische Geländegewinne zu erzielen? "Die Unterstützung für Georgien schwindet", so zitieren dementsprechend die "Georgien-Nachrichten" die ehemalige Parlamentspräsidentin Georgiens Nino Burdshanadse.

Es ist ja jedem zu wünschen, die eigenen Interessen wahren zu können - hoffentlich geht es einen friedlichen Weg.

28 Oktober 2008

Wiedergeboren als Club der Vier

Schon einen Tag nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses der Wahlen zum litauischen Parlament haben sich vier Parteien haben sich zur Bildung einer neuen Regierung in Litauen zusammengefunden: die Vaterlandsunion (die litauischen Christdemokraten), die beiden liberalen Gruppierungen "Liberale Bewegung" und "Liberale und Zentrumsunion", und auch die "Fernsehstar-Partei" der "nationalen Wiedergeburt". Diese vier Parteien würden zusammen über 79 der 141 Sitze im Parlament verfügen. Die vier Parteichefs Andrius Kubilius, Arunas Valinskas, Eligijus Masiulis and Arturas Zuokas unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Bildung einer neuen Regierung.
Das Wahlergebnis gründet sich allerdings auf weitgehendes Desinteresse des Wahlvolkes: nur noch durchschnittlich 32% nahmen an der 2.Wahlrunde teil.
Gediminas Kirkilas, Noch-Ministerpräsident und Chef der Sozialdemokraten, gab indessen bekannt, dass er seine Partei keineswegs als Verlierer sähe, da sie mehr Wählerstimmen bekommen habe als vor vier Jahren.

Als weiteres Ergebnis hat sich herausgestellt, dass im neuen litauischen Parlament weniger Frauen vertreten sein werden: 2004 hatten es noch 28 weibliche Abgeordete gegeben (20%), nun werden es voraussichtlich nur noch 22 sein (18%)

Die 141 Sitze des litauischen Parlaments sind nun unter den Parteien wiefolgt aufgeteilt:
Vaterlandsunion / Christdemokraten 44
Partei der Nationalen Wiedergeburt 16
Liberale Bewegung 11
Liberale und Zentrumsunion 8
Sozialdemokraten 26
Partei Ordnung und Gerechtigkeit 15
Arbeitspartei 10
sonstige zusammen 11

Postengerangel
Nun wird es in konkrete Koalitionsverhandlungen gehen, und dabei geht es - entgegen den meist in Deutschland geübten Sitten - gleich öffentlich um Ämter und Posten. Neben dem Regierungschef will die Heimatunion am liebsten auch den Finanz-, Wirtschafts-, Verteidigungs- und auch noch das Außenministerium selbst besetzen.
Gemäß Presseberichten erhebt die Wiedergeburts-Partei Anspruch auf vier, die Liberale Bewegung auf zwei Ministerämter, und beide möchten gleichermaßen eine/n Kandidat/in stellen für das Amt des Parlamentspräsidenten.
Angeblich soll auch die Neuschaffung des Amtes eines Energieministers noch in der Diskussion sein.

Famlienklatsch
Wer sich weniger für die politischen Taktiken interessiert, wird vielleicht eher verfolgen, dass drei "Familien" es ins Parlament geschafft haben:
- neben der Leitfigur der "nationalen Wiedergeburt", Arunas Valinskas, auch seine Frau Inga Valinskiene (ebenfalls Kandidatin derselben Partei)

- mit TV-Moderatorin Daiva Tamosiunaite und ihrem Mann Dainius Budrys gibt es noch ein weiteres Ehepaar bei den national Wiedergeborenen.

- Valentinas Mazuronis bringt seinen Sohn Andrius mit ins Parlament, beide in der Partei "Ordnung und Gerechtigkeit"

Agne Zuokiene, Frau des Spitzenkandidaten der Liberalen und Zentrumsunion und ehemaligen Bürgermeisters von Vilnius, Arturas Zuokas, hat nur um einen Platz den Parlamentseinzug verpasst. Falls noch jemand auf das Mandat verzichtet, kommt es also auch hier zu einer "Familienzusammenführung".

Infolinks:
Wahlergebnisse

Kandidatenlisten

Nachrichten des litauschen Radio und Fernsehens (LRT) engl.

24 Oktober 2008

Karolis im Westwind

Vielleicht haben YouTube-Fans und Litauen-Freunde bald ein neues, gemeinsames Lieblingsgericht: Weißbrot mit Apelmus. Das sind die Bilder, die Karolis Spinkis, 17 Jahre, der nun mit seiner Mutter in Ilmenau/Thüringen lebt, für seine Erinnerungen an die Kindheit in Litauen findet. Karolis hat einen Film gedreht ("dem Westwind entgegen") - und wie die Thüringer Landeszeitung meldete, ist dieser für die Preisverleihung des MDR-Yougendmedienpreises am kommenden Montag, den 27.Oktober, im Landesfunkhaus Erfurt vorgesehen.

Wer den 8-minütigen Streifen sieht, und als Deutscher Litauen in jüngster Zeit kennengelernt hat, könnte folgende Gedanken beim Betrachten haben:

a) endlich mal ein junger Litauer, der sich in der Öffentlichkeit äussert! So können die Deutschen mehr über die litauischen Denkweisen und Mentalitäten erfahren!
b) Verglichen mit teuer produzierten Filmchen litauischer Werbeagenturen (meist sehr bunt & klischeehaft) ist dies aber besser, ehrlicher, und man erfährt auch etwas über die persönliche Perspektive.
c) Mensch, Karolis, wenn du im wirklichen Leben auch so auf die Dinge zugehst, wie Du im Film wirkst: da darf Deutschland noch etwas von litauischen Meinungsäußerungen erwarten! Nur zu!



Info zur Preisverleihung

Filmergruppe "Waschbärenbande"

Bericht der Thüringer Landeszeitung

Magazin Takt

19 Oktober 2008

"Ostalgie" in Litauen? Der neue Film "Balkon"

"Ach, es war ja nicht alles schlecht..." Ein Satz, den man in Litauen eigentlich nicht hört. Die "Sowejtzeit", das war die Zeit der Besetzung. Da waren die bösen Russen (denen auch die heutigen Machthaber und Gazprom entsprechen) und die heldenhaften litauischen Partisanen. Gelegentlich bekommt das Bild Risse durch litauische KGB-Reservisten oder durch die russische Unterstützung für Politiker, aber im Allgemeinen ist die Behandlung der Sowjetzeit als solche Tabu. Geschichten wie "Sonnenallee" oder "Good Bye, Lenin"? Unvorstellbar, vor allem als Verhöhnung derer die unter dem Regime gelitten haben. Und so freuen sich die alten Kader insgeheim, dass ein Großteil der Akten unerreichbar in Moskau liegt.

Jetzt ein ganz anderes Phänomen: Die Wiedergeburt des litauischen Films. Jedes Jahr gibt es mindestens einen, doch recht hochwertigen, litauischen Spielfilm im Kino: Von der Verfilmung des Buches "Der Götterwald" von Balys Sruoga - ein anderer Blick auf ein Konzentrationslager über kleine Businessgangsterfilme wie "Diringas" bis zum Schicksal der Emmigranten in "Unnütze Menschen".

Und jetzt auf einmal sowas: Ja, auch in der Sowjetunion haben "ganz normale Menschen" gelebt. Aus der Selbstdarstellung des Films: "Die Sowjetunion in den 80ern. Eine Kleinstadt an der Peripherie. In die Nachbarschaft der 11jährigen Emilija zieht nach der Scheidung der Elten der gleichaltige Rolanas [offensichtlich ein Russe] mit seinem Vater. Zwischen den beiden entsteht eine Beziehung jedoch auch Furcht nur durch die Wand, wenn jeder auf seiner Seite des Balkones sitzt oder über den Stromschalter. Auch Emilijas Eltern sind nah der Scheidung und die Kinder finden viel gemeinsames. Doch ein beinahe tragischer Unfall versperrt Emilija den Weg auf den Balkon und die beiden werden zu einem "richtigen" Treffen gezwungen."

Klingt auf jeden Fall nicht uninteressant und seit Monaten sind Freunde und Bekannte "heiß" auf diesen Film. Ob er die Erwartungen erfüllt, kann ich selbst erst sagen, wenn ich ihn gesehen habe, er ist nämlich gerade erst angelaufen. Ich bin mir fast sicher, dass die Hälfte der Kino-Besucher sagt "Super" und die andere Hälfte "Schwach", das ist nämlich immer so.

Gespannt darf man auch sein, was als nächster Film folgen wird. Und alle, können jetzt schon einen Filmsselbstdarstellung via You tube und die Filmhomepage

http://balkonas.wordpress.com/

sehen.

14 Oktober 2008

Nach der Wahl ist vor der Wahl ....


Auch einen Tag nach der Parlaments-Wahl ist in Litauen eigentlich nichts klar. Neben zahlreichen Zahlenspielen gilt es jetzt den zweiten Wahlgang am 26.10. abzuwarten.

Hier ersteinmal für die ganz ungeduldigen die Ergebnisse: "Gewinner" mit 19,5 % sind die Konservativen, gefolgt von der "Volkswiederauferstehungspartei" (15%), "Ordnung und Gerechtigkeit" (12,7%), den Sozialdemokraten (11,7%), und der "Arbeitspartei" (9%). Darüber hinaus haben es dann noch zwei liberale Parteien über die 5-Prozent-Hürde und in den Seimas geschafft.

Und jetzt sagt ich Euch, warum diese Ergebnisse erst einmal nicht weiterhelfen:
Zuallererst ist da das litauische Wahlsystem. Von den 141 Sitzen im Parlament werden 70 nach Listen (also den oben genannten Prozentzahlen bezetzt). 71 Sitze werden davon völlig getrennt in Direktmandaten bestimmt (also nicht irgendwie angerechnet). Und da werden in Litauen vor allem die vor Ort beliebten und bekannten Gesichter gewählt, die Parteizugehörigkeit spielt keine große Rolle. Von diesen 71 Sitzen wurden im ersten Wahlgang nur 4 Sitze besetzt.

Zweitens sind von den 7 Parteien im Parlament, 3 "Populisten", also Parteien ohne wesentliches Programm, die von ihrer Führungsperson abhängen: Die "Volksauferstehung" unter dem Fernsehmoderator Arūnas Valinskas (der unter anderem die litauische Variante von "Deal oder No Deal" moderiert), "Ordnung und Gerechtigkeit" unter dem abgestetzten Präsidenten Rolandas Paksas und die Arbeitspartei des russischen "Konserven-Millionärs" Viktoras Uspaskich.
Alle drei haben dann bereits in der Wahlnach mitgeteilt mit wem sie ausdrücklich nicht könnten (aus persönlichen Abneigungsgründen).

Zwar stehen die Zeichen darauf, dass der zukünftige Premier Andrius Kubilius heißen wird, also dass unter Führung der Konservativen eine Regierung gebildet wird. Es bleiben zwei Varianten: Mitte-Rechts - mit den Liberalen oder Links - mit den ehemaligen "Erzfeinden", den Kadern der Sozialdemokraten . Und welche der Populisten-Partein wird mitmachen?

Zwar ist Raum genug für Spekulationen - und was alle Berichte genug haben, sind Fragezeichen. Wie politikmüde die Litauer sind, zeigt sich nicht nur in der Wahlbeteiligung von gerade einmal 48,5%, die zudem durch das gleichzeitige Referendum über die Laufzeitverlängerung des billigen Stromlieferanten und Bruder von Tschernobyl, dem Atomkraftwerk Ignalina, hochgetrieben wurde, sondern auch darin, dass schon einem Tag nach der Wahl die Spekulationen um eine neue Regierung in den Medien nicht mehr an wichtigster Stelle sind.

Genaues weiß man eben noch erst nach dem 26., wenn auch die restlichen 67 Sitze im Parlament besetzt sind. Aber wenn den Litauern etwas überhaupt nicht liegt, dann eine pragmatische Sichtweise.

kleiner Nachtrag: Liste der zukünftigen Parlamentsmitglieder, soweit bekannt.
Eine andere Nuance des litauischen Wahlsystems ist, dass man nicht nur die Liste, sondern auch einen Listenkandidaten auswählen und somit die Reihenfolge ändern kann.
Wahlergebnisse (Staatliche Wahlkommission)


13 Oktober 2008

Litauen: der große Atombluff

Die ersten Ergebnisse des 1.Wahlgangs der Parlamentswahlen in Litauen trudeln ein - daraus ist zunächst nur erkennbar, dass eine Regierungsbildung nicht einfach werden wird. Aber auch ein anderes Ergebnis ist schon jetzt klar: an der "Volksabstimmung" über die Zukunft des maroden Atommeilers Ignalina nahmen nur 47,9% der Wahlberechtigten teil (mindestens 51% hätten es sein müssen, um eine gesetzliche Verbindlichkeit zu ereichen). Damit nahm die ganze aufwendig inszenierte Aktion nicht den von den Atombefürwortern erhofften Ausgang.

Wie auf der Webseite der staatlichen Wahlkommission nachzulesen ist, stimmten sogar 8,27% gegen die Laufzeitverlängerung, obwohl sie damit das Risiko eingingen, die Wahlbeteiligung soweit zu erhöhen, dass mit der Erhöhung der Beteiligung das Ergebnis als Pro-Atomkraft hätte ausgelegt werden können. Nur rund ums AKW selbst sank die Zahl der mit-abstimmenden Atomgegner auf 4,4%, überall sonst schwankt sie zwischen 7,5 und 9%, in einigen Stadtteilen von Vilnius sogar über 11%. Auch die Zahl derjenigen, die wissentlich oder unwissentlich ungültig abstimmten, ist mit 3,31% relativ hoch.

Damit haben die wahltaktischen Versuche, mit dem EU-vertragswidrigen Versprechen die angeblich technisch einwandfrei laufende Atomanlage einfach weiterlaufen lassen zu können, wohl auch politisch eine Niederlage erlitten. Welche Interpretationskünste die Atombefürworter nun finden werden, um eine relative Mehrheit der Abstimmungsteilnehmer nun doch noch zum "heimlichen Volkswillen" zu erklären, muss allerdings wohl offen bleiben.

Nicht nur litauische Umweltschützer hatten kritisiert, dass die parallel zur Parlamentswahl zur Abstimmung vorgelegte Frage wenig Auswahl übrig ließ.
Keine der größeren Parteien in Litauen hatten den umstrittenen "Deal" zum Bau eines neuen Atomkraftwerks vor der Wahl in Frage gestellt, der mit den Eigentümern der Supermarktkette "Maxima" und anderen Gesellschaftern des zukünftigen Atombetreibers "LEO LT"verabredet worden war. Parteiunabhängige Kritiker dagegen vermuten schon aufgrund des wenig transparenten Absprachen rund um "Leo LT" schlicht ein Profitstreben privater Investoren.

Bei "Maxima" übrigens waren schon beim Referendum um den EU-Beitritt für diejenigen, die ihre Beteiligung am Referendum per Stempel nachweisen konnten, kostenlos Waschpulver oder je eine Flasche Bier verteilt worden. Damals - die Litauer stimmten mit großer Mehrheit für den Beitritt - hatte die gesamte politische Elite Litauens auch einmütig die Schließung des Atomkraftwerks Ignalina befürwortet (eine Vorbedingung für Litauens Beitritt).

Es ist aber nicht die litauische Bevölkerung, die nun ihre Meinung geändert hätte, meinen nun litauische Umweltschützer. Die Funktionäre aller Parteien hätten vielmehr seitdem auf der faulen Haut gelegen und einfach keine alternativen Energiekonzepte entwickelt - denn sonst hätte ja jetzt über verschiedene Wege abgestimmt werden können. Die totale Abhängigkeit der litauischen Energieversorgung sei auch ein Teil des noch aus der Sowjetzeit verbliebenen Zentralismus und Größenwahns. Zunächst sei die Schließung des AKW Ignalina ja schon für 1994 vorgesehen gewesen - weitere lange Jahre seien nun vertan, ohne das die Verantwortlichen die wirklichen Probleme auch angepackt hätten.

Mehr Infos zur Sache:
Infos des österreichischen Umweltbundesamts zum KKW Ignalina

12 Oktober 2008

Litauen: Erste Gewinnerin des Abends

Nein, es sind noch keine Wahlergebnisse, die von litauischen Siegerinnen künden an diesem Abend. Es ist mal wieder ein sportlicher Erfolg, und zwar ein ziemlich überraschender: bei den Europameisterschaften im Tischtennis holte die 31-jährige Litauerin Rūta Paškauskienė den Titel.

Viel ist im deutschsprachigen Raum offenbar nicht bekannt über diesen neuen Sportstar Litauens:
Wikipeda weiß immerhin, dass sie 1977 in Kaunas geboren wurde. Kürzlich bei den Olympischen Spielen in Peking (siehe Foto) hatte sie lediglich die zweite Runde erreicht (also ein Spiel gewonnen) - den dort nachlesbaren Infos zufolge hat Paškauskienė früher auch schon mal in der deutschen Tischtennis-Bundesliga gespielt, gegenwärtig nun bei einem Club in Frankreich. In Peking verlor sie in der zweiten Runde gegen die Ungarin Krisztina Toth, die diesmal im EM-Halbfinale gegen Paškauskienės unterlegene Finalgegnerin Liu Jia (Österreich) verlor.

Ganz unbekannt ist die nun vergoldete Ping-Pong-Künstlerin (gegenwärtig Platz 90 der Weltrangliste) aber nicht: immerhin gewann sie 2007 im Mix gemeinsam mit dem Serben Aleksandar Karakasevic den Europatitel.
Die Webseiten des litauischen Olympiateams verraten etwas mehr über Paškauskienės Laufbahn, aber nur wenig über Erfolge im Einzel: 2006 war sie litauische Meisterin.

mehr dazu:

Ein Foto der Siegerin (yahoo-News)

Bericht "Neues Volksblatt" (Österreich)

Bericht "Kurier" (Österreich)

07 Oktober 2008

Wer geht zur Wahl?

Am kommenden Sonntag wird in Litauen ein neues Parlament gewählt. Weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten ging 2004 zur Wahlurne. Wofür setzen sich die Parteien und deren Abgeordnete ein, was wollen sie erreichen? Das ist in Litauen noch immer nicht einfach zu verstehen, wo doch Personen und kurzfristige Aktionen viel mehr Aufmerksamkeit erregen. "Spass, Spam und wenig Inhaltliches", so das Fazit etwa des "Standard" aus Österreich zum litauischen Wahlkampf.

Auch in Litauen hat die zentrale Wahlkommission nun ihr virtuelles Projekt auf - per Internet wählen bedeutet das noch nicht, aber das Ziel heißt hier: finde dein Wahllokal virtuell (Abbildung links).
Nur
46,8% der Wahlberechtigten gingen 2004 noch zur Wahl - allgemein ist nichts von einer wesentlichen Steigerung des Interesses zu vernehmen. Viele schütteln sich schon, wenn sie nur einen Kommentar zur Arbeit der eigenen Politiker/innen abgeben sollen. Da hilft nur eines (aus Regierungssicht): dramatisieren.

Plötzlich soll der Untergang Litauens bevorstehen. Einerseits wegen der russischen Vorgehensweise in Georgien ("die Urangst der Litauer vor den Russen" - so sieht es Hannes Gamillscheg in "
die Presse"), andererseits weil angeblich ohne Atomkraft in Litauen "das Licht ausgeht". Welche Konsequenz die Wähler aber aus dieser Lage ziehen - selbst wenn sie diese Szenarien für glaubwürdig halten - das bleibt unklar. Was soll ich bloß wählen? Soll ich überhaupt wählen?

Mitbestimmung nur dort, wo es der Regierung in den Kram passt?
Nebenbei ist aber noch regierungsamtlich verordnet worden, dass volksabgestimmt wird. Auch mal eine neue Variante: wo die politische Überzeugungskraft fehlt, installieren sich die Regierenden selbst eine Volksbewegung inklusive Volksabstimmung, passend zum Wahlkampf. Neue Konzepte zur Versorgung des Landes mit Energie ausarbeiten und umsetzen? Zu kompliziert. Vier Jahre Zeit, vier Jahre Klagen über die EU-Auflagen (deren Erfüllung einst Voraussetzung für den EU-Beitritt Litauens waren!).

Nun wird den Litauerinnen und Litauern eine schwer zu beantwortende Frage vorgelegt. Wörtlich: "Ich befürworte die Verlängerung der Betriebsdauer des Atomkraftwerks Ignalina für eine technisch sichere Periode, aber nicht länger als bis ein neues Atomkraftwerk fertiggestellt ist."
Den Wählerinnen und Wählerin - denen ja nun parallel zur Ausübung des demokratischen Wahlrechts diese Frage vorliegt - wird also vorgegaukelt, die Verträge mit der EU könnten nochmal nachverhandelt werden.

Unbekannte und bekannte Kandidaten
Immerhin lassen sich von den im Internet zur Verfügung stehenden Kandidatenlisten einige Informationen ablesen. Angaben zu Geburts- und Wohnort sowie Geburtsdatum finden sich bei jedem Kandidaten. Dazu kommen schriftlich dokumentierte Antorten auf Fragen zum Beispiel nach evtl. ausstehenden Gefängnisstrafen, ob man Bürger eines anderen Staates sei, oder etwa gar in Diensten fremder Staaten arbeite. Wer das säuberlich mit nein beantwortet hat, muss dann noch Angaben zum Schulabschluß öffentlich machen, auch zu Fremdsprachenkenntnissen, Name der Frau/des Mann es und der Kinder, und sogar zu Hobbies. Und es findet sich auch ein direkter Link zu Angaben zur Höhe des versteuerten Einkommens.

Auf diese Art und Weise lässt sich also - wen es interessiert nachlesen, dass Ministerpräsident Kirkilas gern Tennis spielt und dass seine Kinder Diana und Rolandes heißen, oder dass der ehemalige Präsidentschaftskandidat und Parlamentspräsident Paulauskas sich als Literaturfan outet und 79512,56 Litas Einkommen versteuert hat.

Ob es das aber ist, was zur Wahlbeteiligung motiviert? Vorläufig sind noch die schein-demokratischen Wahlen in Weißrussland Thema politischer Kommentare, für die sich Litauen sehr interessiert hat. In einer Woche muss es dann wieder um das Geschehen im eigenen Lande gehen.

Infos:
Text des Refendums zum Atomkraftwerk Ignalina

Infos zum Litauischen Parlament

Litauische Wahlkommission (Wahlergebnisse 2008)

Kandidatenlisten der zur Wahl stehenden Parteien