15 Februar 2010

Kinder, Kuchen und Bier: was Litauen-Blogs berichten

Waren Sie schon mal in Litauen? Im Urlaub, oder sogar für länger? Vielleicht ein Berufspraktikum, ein Studienjahr, ein Arbeitsaufenthalt, oder als freiwilliger Helfer in einem sozialen Projekt? 
Gut, dass es das Internet gibt. Auf der Suche nach persönlichen Erfahrungen und Berichten aus Litauen muss zumindest virtuell nicht lange gesucht werden. 

Von Trolleybussen, fettem Essen, und Männern in Jogginghosen
Da wäre zum Bespiel Lilli. Beschwerden hat sie wenige, aber wenn sie keine Fotos ins Netz stellt von ihren Aufenthalt in Kaunas, dann bekommt sie welche - schreibt sie zumindest. Das Ergebnis liest sich sehr anschaulich für alle, die auch einmal an Eindrücken aus dem litauischen Alltag interessiert sind. 9 Monate war die Österreicherin Lilli als freiwillige Mitarbeiterin in einem Kinderheim in Litauen: Trolleybus-Fahren lernen, Abenteur beim litauischen Friseur, und Essen "4mal so fett wie daheim". Sich nicht öffentlich zu schneuzen scheint in Litauen "out" zu sein,  Karaoke-singen dagegen um so populärer. Jungs laufen in Kaunas nur in Jogginghosen rum, die Madels alle ziemlich "aufgetusst" - aber beim KaunasJazz" kann man wunderbar abchillen. Die spontane Entscheidung, nach Litauen ("mein Litauen") zu gehen, hat Lilli jedenfalls nicht bereut.

Ständige Dröhnung
Männererlebnisse in Litauen sind da offenbar ganz anders. Schon nach wenigen Zeilen ist "Zulu", der ansonsten wenig Privates von sich preisgibt, "total voll" und macht sich lustig darüber, dass Litauer diesen Zustand offenbar ausnutzen und ihn um ein paar Litas anpumpen. "Ein Euro, scheißegal, ich lach' mich tot". Offenbar ist es also in Litauen lustig ("alles ist hier billiger außer Shampoo, Haargel"). Besoffene Litauer beobachten, diese mit dem Handy filmen und auslachen. Offenbar eine echt deutsche Freizeitbeschäftigung und der Beweis, dass nicht jeder Blog lustig zu lesen ist. "Zulu" kann hier nur ärgern, dass die Litauer immer im Basketball gewinnen. Was fehlt hier wohl dazu, für einen "geiler Typ" gehalten zu werden? Andere nennen sowas wohl eher ein "verwöhntes Muttersöhnchen", dem kein Essen schmeckt außer dem, wo er zeigen kann was er mit seinem mehr an Taschengeld sich alles leisten kann ("Bigmac Pommes Coke, also ein normales Menu").
Und es heisst ja immer, solche schönen Geschichten würden ja auch zukünftige Arbeitgeber lesen? Bei manchen Zitaten hier kommt mir der Wunsch auf, dass sie das wirklich tun (z.B. "alle in diesem bus scheinen deutsch zu sprechen außer monsieur busfahrer. der würde in deutschland höchstens als säufer durchkommen"). Kaum zu glauben, dass hier ein Student schreibt.

Viele Handys - und Laubharken als Volkssport
Wesentlich leichter lesbar, ansprechender aufgemacht ist da der Blog von Julia (Julibö), die  im Rahmen des Freiwilligendiensts in einem Kinderbetreuungszentrum in Elektrenai ("Elektro-City") mitarbeitet.
Ob deutsch-türkische Filme mit litauischen Untertiteln, Supermarktshoppen auch am Wochenende, oder litauischen Jugendliche die mehrere Handys besitzen - hier ist die eigene Haltung zum Geschehen klar nachvollziehbar, und wer etwas über Litauen erfahren möchte, wird nicht mit selbstsüchtigem Gesülze belästigt. Was ist neu in Litauen? Vielleicht Laubharken als Volkssport, Rollschuh-Clubs, Black-Taxis als Konkurrenz für Busse, oder der "Ballermann von Litauen"?  Da verlieren "Plattenbauten" ihren Schrecken, und "Maxima" wird zum "besten Freund" - aber Versuche, Kümmel aus dem litauischen Brot zu verbannen, bleiben allerdings nur vorübergehend erfolgreich.

Auch Katja arbeitet in Litauen mit Kindern, auch sie schreibt ausführlich darüber in ihrem Blog. Aber vor allem ist Katja auch eine "Kollegin" von Julia, und wer zuerst den einen Blog gelesen hat, kann danach ähnliche Dinge aus einer zweiten Perspektive kennenlernen.


Ich bin freiwillig hier ...
Eine etwas andere Perspektive bietet Uli (Uli Rohde),die offenbar teilweise in Deutschland (Hamburg) und teilweise in Litauen (Kaunas) lebt und seit 2007 von ihren Erfahrungen schreibt. Ausgangspunkt ist hier ein Auslandssemester (Studium). Uli genießt das Leben in Litauen bei Degtine, Theater, Gesang und Kepta Duona, und wer ihre Notizen liest, kann auch ein paar Schilderungen bzw. Erläuterungen dazu finden. Interessant zu lesen außerdem die kleine Distanzierung: "ich bin freiwillig hier, und habe nicht wie andere nur woanders keinen Platz mehr bekommen."
"Man gera cia (mir geht es gut hier)", schreibt Uli, "Hier ist fast alles schön und es gibt sogar Kuchen (siehe Photo) der einen anlacht, ganz im Gegensatz zu den Litauern auf der Straße." Es finden sich auch herrlich formulierte atmosphärische Eindrücke wie zum Beispiel diesen hier: "Bei dem ganzen Nippes, den die Litauer so auf ihren Schränken stehen haben, könnte man auch meinen, man sei auf einer Bad-Taste-Party eingeladen. Ach und die Litauer sind einfach herrlich unkompliziert. In der Küche standen große Plastikschüsseln, in denen man eben noch die Füße gebadet oder den Pansen für die Hunde gewaschen hat, um nun die Salatunmengen darin zu verarbeiten. Da läuft einem das Wasser doch im Munde zusammen."
Und Uli scheut sich auch nicht, mal ein paar Sätze aus der Sicht einer Frau loszulassen: "Aber schon krass diese Rollenverteilung hier in Litauen; die sind echt konservativ und ich habe es beinahe schon aufgegeben hier noch irgendetwas ändern zu können. Lieber fahre ich nach hause und erziehe meinen eigenen Mann. Das ist einfacher, als die Litauer zu bändigen." Obendrauf noch eine nette Sprachübung für Litauisch-Kundige, ebenfalls eine Fundsache aus Ulis Blog: ""Jei ne grybai ir ne uogas, dzuku mergos butu nuogas..." (kleiner Tipp noch nebenbei: Uli bietet in Hamburg an, privat Litauisch-Unterricht zu geben)

Aus litauischer Sicht
Erstaunlicherweise machen sich teilweise auch Litauerinnen die Mühe, auf Deutsch etwas von ihrem Land zu erzählen. Das ist mutig, denn die Gefahr besteht natürlich dass sich andere über nicht ganz 100%ige Deutschkenntnisse amüsieren. Agne bemüht sich vor allem, einige typische Kennzeichen ihres Landes vorzustellen: Basketball, die Hauptstadt Vilnius, Klaipeda, und die wichtigsten Tatsachen über Litauen. Ausbaufähig!

Etwas anders liest es sich schon, wenn (Deutsch-)Schüler/innen in Litauen aufgefordert werden, etwas über ihr Heimatland zu schreiben. "Fachbegleitender Deutschunterricht" nennt sich das denn, und hier ist es offenbar die (litauische) Deutschlehrerin, die Beiträge ihrer Schüler/innen in den Blog stellt. Da mag es helfen, wenn gleich mal ein Lebenslauf mit reingestellt wird - aber echte Meinungsäusserungen der eigentlichen Autor/innen sind dermaßen "beaufsichtigt" dann wohl eher nicht zu finden. Hier finden sich lediglich Aussagen wie "Mein Praktikum hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Es war sehr interessant," oder "Litauer sind freudliche Menschen". Na ja, die Frau Lehrerin wird's zufrieden sein.
Nachwuchsprobleme beim Blogschreiben über Litauen gibt es offenbar keine: gleich mehrere bereits eröffnete Blogs kündigen kurz bevorstehende Litauen-Aufenthalte an. Judith (Judyweiny), die - wie sie selbst schreibt - "ihre Lebensreise im Alter von 15 Jahren Jesus übergab", betreut als Coach die baltischen Staaten bei der Deutschen Missionsgemeinschaft (DMG), dies schließt auch gelegentliche Aufenthalte in Litauen ein.
Wie es sich anfühlt, kurz vor Start eines längeren Litauen-Aufenthalts, beschreibt Jonas, der seine Beiträge beim "Jugendnetz International" einstellt und auch schon aus England Beiträge geschrieben hat: "Ein Jahr Spaß haben, mitnehmen was geht, außer Aids und andere Dinge."

Die Blogs zum Nachlesen: 
Lilli
KatjaJulia - Zulu
Uli in Litauen   -  Agne's Blog "Gelb-grün-rot"
"Deutschlernende über Litauen"
Judyweiny - Jonas
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